Freiheit im Wandel

Sie ist schwer greifbar, sie ist ein Lebensgefühl, eine Idee und sie ist einer der wichtigsten Werte unserer Gesellschaft. Doch die Anzeichen mehren sich, dass die klassische liberale Lesart des Freiheitsbegriffs an Gewicht verliert.

Nur 4 % der Weltbevölkerung genießen uneingeschränkte Freiheit.

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Auslaufmodell?

70 Jahre nach der Verabschiedung des Grundgesetzes und 30 Jahre nach dem Mauerfall steht ein selbstverständlich geglaubtes Gut immer öfter infrage: die Freiheit. Ist sie ein Auslaufmodell? Oder erweist sie sich doch als widerstandsfähiger, als manche denken?

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Felix Schütze

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Tim Thiel

Nur vier Prozent der Weltbevölkerung – rund 282 Millionen Menschen – genießen uneingeschränkt die Freiheit, sich zum Protest zu versammeln und ihre Meinung zu äußern. So steht es im diesjährigen „Atlas der Zivilgesellschaft“. Selbst in einer der freiheitlich-demokratischen Kernregionen, nämlich in Europa, werden Freiheitsrechte immer öfter eingeschränkt.

In insgesamt 13 der 28 EU-Staaten wurde die Freiheit auf ganz unterschiedliche Weise gebeugt und Maßnahmen gegen Journalisten, Menschenrechtler und politische Aktivisten ergriffen. Bemerkenswerterweise werden Einschränkungen der Freiheitsrechte selbst von demokratisch legitimierten Regierungen beschlossen, die keineswegs nur populistischen Lagern entstammen.

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Weniger Freiheit, mehr Wachstum?

Lange galt Freiheit als Voraussetzung für wirtschaftlichen Wohlstand. Andererseits verzeichneten in jüngerer Zeit gerade Staaten mit eingeschränkten Freiheitsrechten, wie die Volksrepublik China, Singapur oder Saudi-Arabien, hohe Wachstumsraten. Dies führte zu einer Diskussion, ob Autokratien möglicherweise ökonomisch effizienter wären als freiheitliche Demokratien.

Zunehmend wird auch der Nutzen eines internationalen Freihandels infrage gestellt. Unter dem Slogan „America First“ hat US-Präsident Donald Trump ein Gegenmodell zur vom Freihandel geprägten Globalisierung etabliert. In der Folge haben die gewachsenen Unstimmigkeiten zwischen den USA und China und zahlreichen anderen Staaten eine unheilvolle Dynamik in Gang gesetzt, die das Potenzial hat, sich jederzeit zu einem Handels- oder gar Währungskrieg auszuwachsen.

Können Staaten von einer protektionistischen Handelspolitik überhaupt profitieren? Mit dieser Frage beschäftigte sich bereits 1974 die US-Ökonomin Anne Osborn Krueger. Krueger formulierte dabei den „Rent-Seeking“-Ansatz, also ein Drängen inländischer Akteure auf nicht marktgerechte Renditen, die letztlich auf unterschiedliche Art in Protektionismus münden. Das kann etwa die Errichtung von Zollschranken zum Schutz inländischer Produzenten sein, aber auch Maßnahmen wie der „Kohlepfennig“ in Deutschland. In der Folge werden Wettbewerbsfunktionen außer Kraft gesetzt. Die fehlende internationale Konkurrenz führt zu einem verminderten Anreiz, die eigene Produktion veränderten Marktbedingungen anzupassen und notwendige Innovationen durchzuführen. Letztlich birgt eine solche Politik also das Risiko, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu schädigen.

Auch die Freiheit selbst wird durch einen protektionistischen Kurs gefährdet. Diese These vertritt der britische Wirtschaftshistoriker Harold James. Der in Princeton lehrende Professor hat Parallelen von Englands protektionistischer Handelspolitik der 1930er Jahre zu den aktuellen geopolitischen Ereignissen untersucht und kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: „Die Lehren aus der Großen Depression liegen klar auf der Hand: Handelskriege, die eigentlich die nationale Sicherheit stärken sollen, untergraben diese in Wahrheit. Das gilt besonders im Falle von Verteidigungsbündnissen, weil Handelshemmnisse Verbündete zwingen, engere Verbindungen mit genau der revisionistischen Macht zu knüpfen, die eigentlich eingedämmt werden soll.“ Genau dieses Szenario präsentiere sich erneut, so James in einem Essay für Finanz & Wirtschaft: „Trumps protektionistische Rhetorik ist eine Reaktion auf den dramatischen Aufstieg Chinas. Aber durch das Anzetteln eines Zollkriegs, der auch die Europäische Union und Kanada betrifft, lässt Trump China als attraktiveren Partner erscheinen als die USA selbst.“

Prof. Harold James

Jahrgang 1956, lehrt an der Universität Princeton. Den Protektionismus behandelte er bereits 2009 in The Creation and Destruction of Value: The Globalization Cycle. James ist Gastredner der 15. Risikomanagement-Konferenz von Union Investment.


Die Freiheit wird auf ganz unterschiedliche Weise in 13 der 28 EU-Staaten gebeugt.
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Totale Freiheit, maximale Manipulation?

Protektionistische Eingriffe zugunsten nationaler Handelsinteressen geben Grund zur Skepsis. Andererseits hat sich insbesondere in jüngerer Zeit gezeigt, dass eine totale Freiheit der Märkte eben auch negative Folgen haben kann. Dabei wird die Freiheit oft zum eigenen Vorteil instrumentalisiert. Unter diesem Verdacht stehen etwa die US-Technologieriesen Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook. Wegen ihrer enormen Marktmacht befinden sie sich bereits auf beiden Seiten des Atlantiks unter besonderer Beobachtung der Kartellbehörden. Ihre herausragende Position gefährdet den Wettbewerb.

Aber nicht nur das: Die digitalen Mittel zur Datensammlung bieten den Technologieriesen auch die Möglichkeit von Manipulation und Missbrauch sensibler Informationen. Allerdings machen davon auch unterschiedlichste Interessengruppen und Staaten Gebrauch. In der Folge stellt das Internet selbst die Freiheits- und Grundrechte zunehmend infrage.

Das World Wide Web stärker zu regulieren würde allerdings ebenfalls Einschränkungen von Freiheitsrechten bedeuten. Eine ähnliche Ambivalenz zeigt sich auch beim Terrorismus. In Zeiten einer allgemeinen Verunsicherung sind es oft die Bürger selbst, die ein Weniger an Freiheit akzeptieren, wenn sie dafür etwa ein größeres Sicherheitsgefühl bekommen. Insofern befindet sich die Freiheit gewissermaßen in der Klemme zwischen ideologischen Straftätern und einem Überwachungsstaat.

 

Große Freiheit, große Furcht?

Die bürgerliche Flucht aus der Freiheit und die Sehnsucht nach mehr autoritärer Führung beschrieb 1941 der im Exil lebende Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“. Darin wird das Dilemma des Menschen geschildert, dessen Freiheiten auf der einen Seite wachsen. Auf der anderen Seite fürchtet er aber den leeren Raum, in dem ihm keiner mehr sagt, was das Richtige ist. Dieses Phänomen ist so alt wie die Menschheit und kennt keine regionale Begrenzung. Es ist ein grundsätzliches Dilemma, vor dem Menschen stehen, die befreit werden, sei es in den Wendejahren 1989 bis 1991 oder etwa im Arabischen Frühling. Die Schwierigkeit, mit der Befreiung umzugehen,  oder die „Freiheit, frei zu sein“ beschäftigte bereits 1967 die Philosophin Hannah Arendt. Eine von Arendts Erkenntnissen lautete sinngemäß, frei zu sein bedeutet auch frei von Not zu sein. Das ist auch die Voraussetzung für politische Freiheit.

Chancen für die Freiheit?

In eine ähnliche Richtung geht der Begriff der qualitativen Freiheit, den der Tübinger Philosoph Claus Dierksmeier vor wenigen Jahren in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat. Er unterscheidet darin die rein quantitative Freiheit, also die Anhäufung individueller Wahlmöglichkeiten, und die qualitative Freiheit, die mit der wechselseitigen Verbesserung von Lebenschancen einhergeht. Denn Freiheit bedeutet nicht nur die Vergrößerung persönlicher Chancen, sondern auch die Verantwortung gegenüber anderen. So etwa die Verantwortung, dass künftige Generationen nicht in eine ökologisch zerstörte Welt geboren werden, in der ihre Freiheiten automatisch eingeschränkt wären.

Voraussetzung dafür ist ein qualitatives Abwägen von Freiheiten, damit möglichst viele davon einen Nutzen haben. Das könnte konkret bedeuten, dass hohe soziale und ökologische Standards die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen zwar einschränken können, was andererseits aber erst die Freiheit vieler ermöglicht. Laut Dierksmeier geht es nicht um „je mehr, desto besser“, sondern um „je besser, desto mehr“. Freiheit ohne einen gewissen Wohlstand und soziale Mindeststandards wird immer unter Druck geraten. Hierin wurde auch schon vielfach eine der Hauptursachen für das Aufstreben populistischer Bewegungen gesehen. Mehr qualitative Freiheit wäre zumindest ein Ansatz, um sie gegenüber den vielen derzeitigen Risiken resilienter zu machen.

Freiheit Werte Gesellschaft

Was Big Brother nicht sehen kann: Freiheit im Bild

Ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte. Weitwinkel zeigt eine Auswahl von Bildern, die die Geschichten des Titelthemas weitererzählen.

Überwachungskapitalismus Instrumentarismus Verhaltensmodifikation

Big Other und instrumentäre Macht

Zwei Begriffe aus Shoshana Zuboffs Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“.

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Felix Schütze

In ihrem Buch beschreibt die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff die technologische, soziale, politische und ökonomische Dimension der großen digitalen Transformation. Sie zeichnet darin ein kritisches Bild der neuen Märkte, in denen Menschen Lieferanten von Verhaltensdaten sind, dem kostenlosen Rohstoff, den sie für die Teilnahme am World Wide Web abgeben. Das Buch setzt sich mit den Instrumenten der Überwachung, Enteignung und Verhaltensmodifikation durch Big Data auseinander. Treiber dieser Entwicklung sind nach Zuboff die großen Tech-Konzerne (Google, Facebook, Apple, Amazon, Microsoft etc.). Diese Konzerne bezeichnet Zuboff als „Big Other“.

Im Gegensatz zu dem von George Orwell in „1984“ beschriebenen Totalitarismus des „Big Brother“ bedient sich die Macht der „Big Other“ eines Instrumentarismus. Der Totalitarismus habe durch Gewalt operiert, die instrumentäre Macht herrsche dagegen nach Zuboff durch Mittel zur Verhaltensmodifikation: „War der Totalitarismus ein politisches Projekt, das sich zur Überwältigung der Gesellschaft mit der Wirtschaft zusammentat, so ist der Instrumentarismus ein Marktprojekt, das im Zusammenspiel mit dem Digitalen seine ganz eigne Art von sozialer Herrschaft geschaffen hat.“ Das Gefährliche an diesen instrumentären Machtmechanismen und der neuen Logik der Akkumulation durch Enteignung ist nach Zuboff, dass sie schwer oder gar nicht zu erkennen sind. Mit ihrem Buch möchte Shoshana Zuboff die Leser für die Problematik sensibilisieren und erreichen, dass die ökonomische Macht und die Methoden des Überwachungskapitalismus begriffen werden.

Rentenstrategien Freiheitsgrade Unconstrained Fixed Income

Keine Freiheit ohne Disziplin

Nach der Finanzkrise 2008 stieg das Interesse an Rentenstrategien mit größeren aktiven Freiheitsgraden als Alternative zu Benchmark-orientierten Ansätzen – Unconstrained Fixed Income. Mehr Freiheit heißt aber automatisch auch mehr Komplexität.

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Bernd Gentemann

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Eva Revolver

Eine Herausforderung ist, bei der Fülle der Möglichkeiten den Überblick zu behalten und sich nicht zu „verzetteln“. Eine zweite besteht darin, dass an solchen Strategien immer viele Portfoliomanager beteiligt sind. All ihre Ideen fließen ein und müssen gewichtet werden, um die richtigen Anlageschwerpunkte zu setzen. Und nicht zuletzt erfordert der Ansatz den Mut, getroffene Entscheidungen infrage zu stellen und sich schnell neu aufzustellen. Dabei darf man die Risiken nie aus dem Blick verlieren. Mehr Freiheit bedeutet auch mehr Verantwortung. Und das geht nicht ohne Disziplin.

Welche Eigenschaften muss ein Portfoliomanager dafür mitbringen? Die erste ist (Selbst-)Vertrauen – also Vertrauen in die eigene Markteinschätzung und darin, mit den getroffenen Investmententscheidungen Geld für die Anleger verdienen zu können. Die zweite ist die Fähigkeit zur Selbstkritik. Geht eine Idee nicht auf, muss er oder sie das schnell erkennen und den „Fehler“ beheben. Das heißt, führt eine Strategie nicht zu dem gewünschten Erfolg, wird sie kurzfristig beendet und durch eine vielversprechendere ersetzt. Dazu gehört auch die Entschlossenheit, flexibel neue Anlageschwerpunkte zu setzen, ohne gleichzeitig die gewinnbringenden Investmentideen zu ersticken. Dabei ist die stetige Kontrolle über das eigene Handeln mit Blick auf die Risiken unverzichtbar. Der Portfoliomanager setzt seiner Freiheit also selbst die Grenzen. Darin liegt die Kunst.

Bernd Gentemann

Senior Portfoliomanager bei Union Investment und Experte für Rentenfonds und Anlagestrategien.


Freiheit Philosophie Zitate

Wer hat’s gesagt?

Freiheit ist ein zentrales Thema in der Philosophie. Seit Jahrhunderten überlegen die klügsten Köpfe ihrer Zeit, was die Freiheit des Individuums und der Gesellschaft ausmacht. Doch von wem stammt welche Erkenntnis? Testen Sie Ihr Wissen im Quiz.

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Sonja Stöhr

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Nadine Hippe

Tugend Arendt Aristoteles

Arete, Aristoteles und Arendt

Die Wurzeln des Politikbegriffs von Hannah Arendt reichen zurück bis ins antike Griechenland zum Philosophen Aristoteles (384‒322 v. Chr.). Dieser sah in einer Reihe von Tugenden (Arete) die Basis für ein gesellschaftliches Ordnungsprinzip.

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Thomas Raffel

Um ein gelungenes Leben zu führen, sind nach Aristoteles möglichst viele Tugenden (Arete) nötig. Seiner Überzeugung nach neigen alle Menschen im Kern zum Guten, die dahin führenden guten Tugenden müssen im Verlauf des Lebens permanent kultiviert werden. Zu den Charaktertugenden zählen etwa Besonnenheit, Freigebigkeit, Großherzigkeit oder Tapferkeit. Dazu kommen die sogenannten Verstandestugenden wie Weisheit, Klugheit oder Gerechtigkeit. Tugenden können durchaus im Widerspruch zueinander stehen und hängen von den äußeren Umständen ab. Die Verstandestugenden helfen dabei, das richtige Maß der Charaktertugenden zu bestimmen. Denn diese sind nicht absolut, sondern graduell: Freigebigkeit ist somit nicht Verschwendung oder Geiz, sondern befindet sich dazwischen.

Nur wer frei von der Sorge um das Lebensnotwendige ist und wem es gelingt, den Bereich des Privaten zu überwinden und in der Öffentlichkeit zu leben, kann als Gleicher unter Gleichen wirken und die Polis zum Guten gestalten. An diese zentrale Tugendethik knüpfte Hannah Arendt mit ihrem neuzeitlichen Politikbegriff an und entwickelte diesen weiter: Sprechen und Handeln garantieren den Zugriff des Menschen auf die Welt.

Freiheit EZB Europa

„Europa sollte mehr tun!“

Die italienische Ökonomin Prof. Lucrezia Reichlin leitete von 2005 bis 2008 die Researchabteilung der Europäischen Zentralbank. Am Rande der Risikomanagement-Konferenz in Mainz nutzte Union Investment-Rentenchef Christian Kopf die Gelegenheit, Prof. Reichlin zu einem Gespräch über die Zukunft des Euro und der EZB zu treffen.

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Was fehlt, um das Rahmenwerk zu verbessern?

Grenzen der Geldpolitik

Was ist der Preis der Politik des billigen Geldes?

Das europäische Versprechen

Was ist notwendig, um das europäische Versprechen zu erfüllen?

Freiheit Risiken Chancen

Freiheit bedeutet für mich …

Jedes Schwerpunktthema hat eine persönliche Bedeutung für unterschiedliche Menschen. Weitwinkel bat Interviewpartner und weitere Experten um eine ganz persönliche Einschätzung und Vervollständigung dieses Satzes: Freiheit bedeutet für mich …