Neue Spielregeln

Lange galt sie als Modell für Wohlstand. Doch Protektionismus, geopolitische Spannungen und die Corona-Pandemie unterminieren die durch und durch vernetzte Weltwirtschaft. Erleben wir damit das Ende der Globalisierung?

Die globalisierte Welt steht vor einer bedeutsamen Restrukturierung.

Globalisierung Handelskonflikte Reformen

Endet die Erfolgsstory?

Die Rivalität zwischen China und den USA ist eine Dauerbelastung für den freien Welthandel. Mit der Corona-Pandemie wurden weitere Schwachstellen der globalen Wertschöpfung offensichtlich. Was sind die Auswirkungen? Gibt es Alternativen?

text
Felix Schütze

Fotos
Profilwerkstatt

Deutschland im März 2020: Hamsterkäufe in Supermärkten. Versorgungsengpässe bei Arzneimitteln aus China und Indien. Produktionsstopp bei vielen Industriebetrieben wegen Lieferschwierigkeiten. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie störungsanfällig die globalen Wertschöpfungs- und Handelsketten im Krisenfall sind. „Die Globalisierung ist nicht nur wegen der durch die Pandemie offenbarten Anfälligkeit globaler Fertigungsketten unter Druck geraten, sondern auch weil sie in mancher Hinsicht eine unglaubliche Erfolgsgeschichte war“, lautet die These des Bonner Soziologieprofessors Erich Weede in einem Gastbeitrag für die FAZ. Das mutet zunächst paradox an. Tatsache ist, dass durch die Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen aus größter Armut befreit wurden. Selbst in den Entwicklungsländern konnte der Lebensstandard insgesamt gesteigert werden. Durch den freien Handel wurde Wohlstand geschaffen, und ganz nebenbei warf die wirtschaftliche Freiheit in vielen Teilen der Welt auch noch eine Friedensdividende ab.

Wachsender Globalisierungsskeptizismus

Doch es gab auch Verlierer. In der Folge wuchs besonders in den Industrienationen der Kapitalismus- und Globalisierungsskeptizismus. Vielfach wurde dabei verkannt, wie Prof. Weede schließt, dass nicht nur die asiatische Konkurrenz, sondern wahrscheinlich in noch größerem Ausmaß der technologische Wandel verantwortlich war für Arbeitsplatzverluste und in vielen Ländern auch für annähernd stagnierende Einkommen.

„Nennenswerte positive Beschäftigungseffekte sind nicht zu erkennen.“
Deutsche Bundesbank zu den Effekten der handelspolitischen Maßnahmen der USA, Januar 2020.

Eine Rolle spielt außerdem, dass China mit der Globalisierung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch zu einer neuen Weltmacht und zum Hauptkonkurrenten der USA heranwuchs. Die USA arbeiten seit Längerem dagegen. An die Spitze stellte sich der inzwischen scheidende US-Präsident Donald Trump, dessen „America First“-Agenda darauf abzielte, die amerikanische von der chinesischen Volkswirtschaft zu entkoppeln. Doch nicht nur den Chinesen wird der Marktzugang erschwert, sondern zunehmend auch den unliebsamen wirtschaftlich erfolgreichen verbündeten Europäern und Japanern. Diese Politik hatte spürbare Folgen. Zunächst in den Schwellenländern, die ohnehin mit dem Verfall von Rohstoffpreisen zu kämpfen haben, und aus denen während der Coronakrise so viele Investitionen abgezogen wurden wie nie zuvor.

Es gibt keine Gewinner

Doch die US-Bilanz von Trumps Protektionismus und seiner unilateralistischen Politik fiel bereits vor der Coronakrise negativ aus. So stellte die Deutsche Bundesbank im Januar 2020 in einer Studie fest: „Alles in allem deuten die Befunde darauf hin, dass die USA von den in der jüngeren Zeit ergriffenen handelspolitischen Maßnahmen bisher nicht profitieren konnten. Vielmehr dürfte insbesondere infolge des Handelskonflikts mit China die gesamtwirtschaftliche Produktion in den USA etwas gedämpft und der Preisauftrieb auf der Verbraucherstufe tendenziell verstärkt worden sein. Nennenswerte positive Beschäftigungseffekte sind nicht zu erkennen.“

Die WTO reformieren

Zu der protektionistisch-nationalistischen Politik der Globalisierungsgegner, die wirtschaftlich eine eher schlechte Bilanz erzielte, gibt es durchaus Alternativen. So könnten etwa die Regeln des Handelssystems über die Welthandelsorganisation (WTO) gestärkt werden. Allerdings steht die WTO in der jüngeren Vergangenheit selbst in die Kritik. In der Folge entzogen die USA der Welthandelsorganisation faktisch ihre Unterstützung.

Ironischerweise berauben sich die USA durch eine weitere Demontage der WTO ihrer rechtlichen Möglichkeiten zur Durchsetzung eines globalisierten Freihandels, von dem alle Seiten profitieren sollten. Vor diesem Hintergrund fordert Bernd Lange als Mitglied des Europäischen Parlaments und Vorsitzender des Ausschusses für internationalen Handel (INTA): „Die verbleibenden 163 Mitglieder müssen einen gemeinsamen Weg einschlagen, notfalls muss man die Zukunft der WTO ohne die USA gestalten. Das ist wenig wünschenswert, aber keine Option, die man ausschließen darf.“ Zudem merkt Lange an, dass Handel heutzutage nicht mehr zwischen einzelnen Staaten stattfindet, sondern in globalisierten Wertschöpfungsketten. „Ganze 70 Prozent des grenzüberschreitenden Handels sind heute Teil von Fertigungsketten und keine Endprodukte“, so Lange. Was zurück zu den Schwachstellen der Lieferketten führt, die von der Corona-Pandemie offengelegt wurden.

Gewinnen Sie mich …

Dieses voll funktionsfähige Symbol globaler Zusammenarbeit könnte Ihnen gehören.
Dafür bitten wir nur um Ihre Meinung zum Weitwinkel.
Was gefällt Ihnen? Was fehlt oder ließe sich noch verbessern? Schreiben Sie uns an weitwinkel@union-investment.de. Unter allen E-Mails, die uns bis zum 1. 2 .2021 erreichen, verlosen wir die Kuckucksuhr vom Weitwinkel-Cover. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.

Veranstalter des Gewinnspiels ist die Union Investment Institutional GmbH. Die Mitarbeiter von Union Investment sind von der Teilnahme ausgenommen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Ein Trend seit der Finanzkrise

Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) zeigt, in welchem Maße die Bundesrepublik der große ökonomische Verlierer einer Deglobalisierung wäre. Kaum eine Volkswirtschaft profitiert so stark von effizienten Lieferketten wie Deutschland. Bemerkenswerterweise haben deutsche Unternehmen gute Vorarbeit geleistet und schon seit der Finanzkrise von 2008 zunehmend ihre Lieferketten verkürzt. Laut der IW-Analyse kommt inzwischen der Großteil der nach Deutschland importierten Vorprodukte nicht mehr aus Fernost, sondern aus der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft.

Die Ursachen dafür liegen nicht allein im zunehmenden Protektionismus und zuletzt in der Covid-19-Pandemie begründet. Den Trend gibt es schon länger. Ursächlicher Auslöser ist der Wandel der sich entwickelnden Emerging Markets wie China. Wie die westlichen Industrienationen verändern sich nämlich auch die erfolgreichen Schwellenländer von kapitalintensiven Industriegesellschaften zu Dienstleistungsgesellschaften, die einen zunehmend geringeren Bedarf an Maschinen und Anlagen haben und dagegen immer mehr digitale Dienstleistungen nachfragen. Das hat Auswirkungen auf die deutsche Exportwirtschaft: Statt Maschinen und Anlagen „made in Germany“ werden zunehmend Lösungen für E-Commerce, künstliche Intelligenz oder 3-D-Druck nachgefragt. Diesem Bedarf muss auch die deutsche Wirtschaft zunehmend Rechnung tragen und sich darauf ausrichten ‒ ob durch die Erschließung neuer Märkte, die Entwicklung neuer Produkte oder einen stärkeren Fokus auf den Binnenmarkt.

Die globalisierte Welt, so wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten kennengelernt haben, steht vor einer bedeutsamen Restrukturierung der weltwirtschaftlichen Handels- und Investitionsverflechtungen. In welche Richtung sie sich entwickeln wird, wird nicht allein von einem neuen US-Präsidenten Joe Biden bestimmt werden.

Globalisierung Positionen Konflikte

Globalisierung unter Druck

Ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte. Weitwinkel zeigt eine Auswahl von Bildern, die die Geschichten des Titelthemas weitererzählen.

Globalisierung Weltregionen Lieferketten

Entflechtung der mächtigsten Länder der Welt

Die Coronakrise, aber ebenso Handelskonflikte legten auch in Asien die Anfälligkeit globalisierter Liefer- und Produktionsketten offen. Manchmal bieten kurze Wege eben mehr Stabilität – trotz höherer Kosten.

Illustration
Ralf Nietmann

Drei Jahre Handelskonflikt zwischen den USA und China haben ihre Spuren hinterlassen. Jüngst ist daraus auch ein Technologiekrieg geworden. Die mächtigsten Nationen der Welt wenden sich voneinander ab. Das hat die Globalisierung ins Stocken gebracht. Die Coronakrise hat diesen Trend noch beschleunigt. Jetzt findet eine Entflechtung auf vielen verschiedenen Ebenen statt – nicht nur bei Handel und Technologie, sondern auch in der Finanzwelt. Doch bislang gehen die USA nicht mit drastischen Sanktionen gegen chinesische Banken vor. Der Schaden für die international verflochtene Finanzszene wäre zu groß. Unseren Investmentprozess beeinflusst dies alles jedoch kaum. Wir konzentrieren uns noch stärker auf die chinesische Wirtschaftspolitik, auf der sowieso unser Fokus liegt. Und wir versuchen zu antizipieren, wie die Unternehmen auf Druck von außen reagieren. Beides ist ohnehin Bestandteil unseres Auswahlprozesses für die chinesischen Unternehmensanleihen.

USA Asien

Unsere Aufgaben als Analysten und Portfoliomanager sind von Natur aus sehr divers und komplex. Die Märkte ändern sich jeden Tag. Strukturelle Entwicklungen wie den Handels- und Technologiekonflikt (oder die Auswirkungen der Coronakrise) integrieren wir in unser Research, das die Grundlage für unsere Anlageentscheidungen ist. Eine Folge der Spannungen zwischen China und den USA ist zum Beispiel, dass das Reich der Mitte den Ausbau der „Neuen Seidenstraße“ weniger stark vorantreibt als noch vor einiger Zeit. So zeigten die Chinesen vor vier oder fünf Jahren noch einen erheblichen Appetit für die Übernahme von Unternehmen in anderen Ländern. Dieser hat jedoch erheblich nachgelassen. Auch hier hat sich die Globalisierung verlangsamt. Solche Erkenntnisse fließen in unsere Analysen ein. Die neue Regionalität, die sich aus einer teilweisen Deglobalisierung ergibt, ist also ein Faktor, der die Märkte bewegt – nicht mehr und nicht weniger.

Kandarmaa Enkhbold

ist Junior-Portfoliomanagerin im Rentenfondsmanagement von Union Investment.


Globalisierung Reglement Wohlstand

Wohlstandsstiftend oder ausbeuterisch?

Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Prof. Gabriel Felbermayr, und Prof. Rudolf Hickel, Forschungsleiter am Bremer Institut Arbeit und Wirtschaft und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac, diskutieren mit uns per E-Mail über Wohl und Wehe der Globalisierung.

moderation
Felix Schütze

Illustration
Matthias Seifarth

Weitwinkel:
Herr Prof. Hickel, warum ist in Ihren Augen die wohlstandsstiftende Globalisierung ein Mythos?

Rudolf Hickel:
Es heißt, Globalisierung könne durch offene Märkte auch im Wettbewerb um Produktionsstandorte allen beteiligten Ländern Wohlstand durch Wertschöpfung und Arbeitsplätze garantieren. Davon kann keine Rede sein. Die Folge einer unkontrollierten Globalisierung ist die Spaltung der Weltwirtschaft. Den Profiteuren, wie China, stehen Verlierer gegenüber. Solange die Dynamik der Globalisierung vor allem von den internationalen Konzernen, von den Multis, vorangetrieben wird, geht es um die Nutzung von Billiglohnländern.

Gabriel Felbermayr:

Die wohlstandsstiftende Globalisierung ist kein Mythos, sondern die Realität: Trotz aller Widerstände sind die Handelsbarrieren immer noch historisch niedrig und die Verflochtenheit der Volkswirtschaften hoch. Bei der Bewertung der Effekte der Globalisierung kann man Mythen und Verklärungen feststellen, sowohl bei den Verfechtern weiterer Liberalisierungsschritte als auch bei jenen, die sich nach der alten Zeit hoher Zollmauern sehnen. Auf Basis der modernen Forschung bin ich mir sehr sicher, dass die Globalisierung zu hohen Wohlstandsgewinnen auf globaler Ebene geführt hat.

R. Hickel
PROF. RUDOLF HICKEL

ist Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Bremen. Hickel war bis 2009 Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft (iaw) und ist dort seit 2010 Forschungsleiter für Wirtschaft und Finanzen. Außerdem ist Hickel Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.


Weitwinkel:
Woran messen Sie das?

Gabriel Felbermayr:
Da ist die Evidenz ziemlich klar. Die Globalisierung hat die Armut deutlich reduziert und das Leben von vielen Hunderten Millionen Menschen ganz entscheidend verbessert. Sie hat aber auch in vielen Ländern die Ungleichheit erhöht, aber nicht, indem sie in großen Bevölkerungsgruppen zu einer absoluten Verarmung geführt hat, sondern indem sie die Einkommen der Besserverdienenden stärker erhöht hat als jene der Schlechterverdienenden.

Weitwinkel:
Hat die Corona-Pandemie daran etwas verändert?

Gabriel Felbermayr:
Corona ändert an diesem Befund gar nichts. Seuchen haben sich auch schon im Mittelalter global verbreitet, ganz ohne Globalisierung moderner Art. Kurzfristige Unterbrechungen von Lieferketten gibt es bei allen großen Naturkatastrophen. Die Globalisierung hat aber ganz entscheidend dazu beigetragen, dass die EU Knappheiten, zum Beispiel von Masken, durch Importe schnell und kostengünstig beseitigen konnte, während andere Länder Zugang zu modernster Medizintechnik made in Germany erhielten. Die globalen Finanzmärkte erleichtern gerade kleinen und ärmeren Ländern den Zugang zu Kapital, sodass sie damit Corona-Abwehrmaßnahmen finanzieren können. Ohne Globalisierung wäre die Seuche um ein Vielfaches tödlicher. Es ist durchaus möglich, dass die Welt durch Corona ungleicher wird, aber das wäre auch ohne Globalisierung so.

G. Felbermayr
PROF. GABRIEL FELBERMAYR

ist Wirtschaftswissenschaftler, seit März 2019 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Gleichzeitig hat er eine Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel inne.


Rudolf Hickel:
Wohl wahr, die wohlstandsstiftende Globalisierung selbst ist kein Mythos. Die Internationalisierung des Wirtschaftens produziert auch große Vorteile: ökonomische Entwicklung aus der Unterentwicklung und damit Anschluss an die weltweite Wertschöpfung, Aufbau von Arbeitsplätzen sowie die Durchsetzung kostengünstiger und auch ökologisch hochwertiger Produkte und Produktionsverfahren im internationalen Handel. Gegenüber diesen Vorteilen überwiegen allerdings die Kosten der einzelwirtschaftlich vorangetriebenen Internationalisierung.

Weitwinkel:
Können Sie das konkretisieren?

Rudolf Hickel:
Erinnert sei an die 2004 im „Handelsblatt“ veröffentlichte Position von Paul A. Samuelson im Streit mit Greg Mankiw. Gegenüber den vielen Vorteilen der Globalisierung für die USA im Handel mit China sind die Nachteile vor allem durch Jobverluste im Zuge des Outsourcings viel größer. Samuelsons Fazit wird auch durch das soeben erschienene Buch der im vergangenen Jahr mit dem Nobelpreis geehrten Wirtschaftsexperten Abhijit Banerjee und Esther Duflo, „Gute Ökonomie für harte Zeiten“, belegt. Das hässliche Gesicht der Globalisierung sind die Billigstarbeitskräfte etwa in Bangladesch. Aber auch die Umwelt, die als Gratisproduktivkraft missbraucht wird, gehört zu den Verlierern.

Weitwinkel:
Wäre mehr Protektionismus also eine Alternative?

Rudolf Hickel:
Keineswegs rechtfertigen die Nachteile den Rückschritt zum nationalistischen Protektionismus à la USA. Um die Vorteile auszubauen und die Nachteile zu verhindern, sollte über einen sozial-ökologisch eingebetteten Multilateralismus gestritten werden.

Gabriel Felbermayr:
Lieber Herr Hickel, ich denke, wir sind uns einig, dass es für grenzüberschreitende wirtschaftliche Aktivität, ähnlich wie für die Binnenwirtschaft, einen Ordnungsrahmen braucht. Sonst führt das Marktgeschehen nicht zu einem Wohlfahrtsoptimum. Sie sprechen von einem sozial-ökologischen Multilateralismus. Das ist mir zu vage. Ich finde, wir sollten die Ursachen des potenziellen Marktversagens identifizieren und dann passgenaue Maßnahmen dagegen einführen, am besten in der Tat multilateral.

Weitwinkel:
Welche Maßnahmen könnten das sein?

Gabriel Felbermayr:
Da geht es erstens um globale Umweltgüter, vor allem um das Klima. Hier brauchen wir eine wirksame globale CO2-Bepreisung. Das könnte zwar den Gütertransport verteuern und den Welthandel reduzieren, wäre aber dennoch wohlfahrtssteigernd. Zweitens brauchen wir ein Wettbewerbsrecht, das gegen den Missbrauch von Marktmacht durch globale Konzerne auf Arbeits- und Absatzmärkten vorgeht. Wir sollten uns aber nicht in rein nationale Sozial- oder Umweltpolitik einmischen, von der keine grenzüberschreitenden Externalitäten ausgehen. Auch in einer idealen Weltwirtschaftsordnung hat das Prinzip der Subsidiarität einen ganz wichtigen Platz, weil die lokalen Gesellschaften so heterogen sind.

Rudolf Hickel:
Ja, das ist auch meine Botschaft: Die wohlstandsstiftende Globalisierung ist nur zu erreichen, wenn diese in eine weltweit regulierende Ordnungspolitik eingebettet wird. Das Modell der Sozialen Marktwirtschaft Deutschlands steht hier Pate. Da, wie eingangs bereits beschrieben, die Dynamik der Globalisierung von internationalen Konzernen ausgeht, bedarf es vor allem diesen gegenüber eines kontrollierten Wettbewerbsrahmens. Dieser dient auch zum Schutz effizienter Unternehmen des Mittelstands in Europa. Weiterhin ist gegen das internationale Marktversagen eine soziale und ökologische Einbettung der Globalisierung erforderlich: Gegen die Ausbeutung der Beschäftigten in den Billiglohnländern dient das Lieferkettengesetz, das die deutschen Konzerne für dortige Arbeitsverhältnisse in die Verantwortung nimmt. Dazu gehört auch die Verhinderung des Ökodumpings: Europäische Stahlwerke, die in modernste ökologische Produktionsverfahren investieren, sollten nicht länger durch Stahl aus China und Indien, mit vermeidbar hohem CO2-Ausstoß produziert, wegkonkurriert werden. Dazu kann die Grenzausgleichsabgabe auf Importe aus Ländern mit niedrigen Umweltstandards dienen.

Weitwinkel:
Was hemmt eine Internationalisierung der Ordnungspolitik?

Rudolf Hickel:
Die für die Globalisierung der Wertschöpfung und des Handels notwendige „Global Governance“ scheitert an ökonomischen und bornierten nationalen Interessen. Der Bedeutungsverlust der dafür vorgesehenen Weltorganisationen wie der „World Trade Organization“ ist unübersehbar. Interessanterweise bewegen sich die bisher treibenden Multis, durch die wachsenden Abhängigkeiten belehrt, in die richtige Richtung – spätestens nach der Unterbrechung von Lieferketten durch die Coronakrise –, schlussfolgert eine Studie von McKinsey & Company: „Making Supply Chains More Resilient in the Post-Covid World“. Lokale Standorte spielen im Kalkül wieder eine größere Rolle. Sie, lieber Herr Felbermayr, sprechen zutreffend von der robusteren Gestaltung der globalen Wertschöpfungsketten.

Weitwinkel:
Herr Prof. Felbermayr, befürchten Sie eine Deglobalisierung als Folge von Corona und dem zunehmenden Protektionismus nicht zuletzt der Trump-Administration?

Gabriel Felbermayr:
Ja, das befürchte ich. Der wirtschaftliche Nationalismus ist auf dem Vormarsch. Trump hat gezeigt, dass sich mit Hinweis auf eine angebliche Bedrohung der nationalen Sicherheit zentrale Regeln der Welthandelsorganisation aushebeln lassen. Trump hat so den Sittenverfall im Welthandel beschleunigt. Und die Coronakrise wird hinsichtlich der Globalisierung falsch interpretiert. Die Vorstellung, in einer Welt höherer Handelsbarrieren und verringerter internationaler Kooperation könne man national besser auf eine Pandemie reagieren, ist völlig abwegig.

Rudolf Hickel:
Trump missbraucht ohne Blick auf die Vorteile der Globalisierung die hier beschriebenen Fehlentwicklungen für seinen America-First-Imperialismus. Dazu kommt aber auch die Sorge vor einem die Welt beherrschenden China-Universalismus. Die Alternative kann nur lauten: weltweite Öffnung der Märkte auf der Basis eines fairen Wettbewerbs zusammen mit sozialer und ökologischer Verantwortung. Die durch die Coronakrise offensichtlich gewordenen Abhängigkeiten innerhalb von weltweiten Wertschöpfungsketten sprechen nicht generell gegen die Globalisierung. Die Pandemie braucht globale Antworten wie die Ordnung der Weltwirtschaft.

Weitwinkel:
Prof. Felbermayr, Sie haben einmal die These aufgestellt, dass wir sogar globalisierter aus der Krise gehen könnten, warum?

Gabriel Felbermayr:
Wenn wir über Deglobalisierung sprechen, dann meinen wir vor allem den Güterhandel. Jetzt erleben wir aber sehr deutlich, dass Teile des Dienstleistungssektors boomen. Wenn medizinische Behandlungen oder Bildungsdienstleistungen weniger häufig physische Treffen erfordern, dann wird es schnell unwichtig, ob der Anbieter im In- oder Ausland angesiedelt ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass es zu einer stärkeren Handelbarkeit von Dienstleistungen kommt.

Weitwinkel:
Wir kommen zum Abschluss dieses Pro-und-Contra-Mailwechsels. Bisher hatten wir das Thema der Globalisierung der Finanzmärkte noch nicht angesprochen. Diese waren einerseits Treiber der Globalisierung, aber auch ein Risiko.

Rudolf Hickel:
Hier liegen Fluch und Segen tatsächlich nahe beieinander. Unkontrollierte Finanzmärkte sind vor allem durch aggressive Spekulationen im Kern hochgradig krisenanfällig. Dies offenbarte die Finanzmarktkrise 2008/2009. Eine der Ursachen liegt in der Produktion von Finanzmarktinstrumenten auf der Basis hochriskanter Kredite – beispielsweise der strukturierten „Collateralized Debt Obligations“-Pakete. Urplötzlich hat ein geplatzter Hypothekarkredit im Vorort von Chicago zur Wertberichtigung in deutschen Bankbilanzen geführt. Die durch Spekulationen vorangetriebene Entkoppelung der Finanzmarktprodukte gegenüber der Realwirtschaft musste zur Krise führen.

Weitwinkel:
Welche Lehren resultieren für Sie daraus für die Zukunft?

Rudolf Hickel:
Zwei Lehren sind gezogen worden: Erstens ist auf den Finanzmärkten gegenüber den Güter- und Dienstleistungsmärkten der höchste Grad an Globalisierung erreicht. Zweitens folgten durchaus auch viele kluge Versuche, diese Märkte durch ordnungspolitische Regulierungen zu stärken. Wenn auch immer wieder ungenügend und mit Rückfällen insbesondere in den USA ‒ Trumps Korrekturen der Obama-Gesetzgebung ‒, heute ist das globale Finanzsystem resistenter. Neue Gefahren auf den Finanzmärkten drohen von den weltweit agierenden unregulierten „Schattenbanken“.

Gabriel Felbermayr:
Ja, aber nicht jede Regulierung ist geglückt. Die Finanzmärkte sind stärker fragmentiert als früher; das beeinträchtigt die internationale Risikoteilung. Das gilt übrigens auch in der Eurozone. Wir haben sicher noch nicht den perfekten Ordnungsrahmen, schon gar nicht, wenn man auf neue, innovative Systeme blickt, zum Beispiel auf Kryptowährungen.

Globalisierung Zahlen Quiz

Wie globalisiert ist die Welt?

Menschen und Produktion sind besser vernetzt als je zuvor. Die Welt gleicht dadurch einem globalen Dorf. Dennoch überrascht das Maß der Globalisierung immer wieder. Ein Quiz zum Staunen.

text
Sonja Stöhr und Johannes Büchl

Illustration
Nadine Hippe

Staatsverschuldung Haushaltsdisziplin Schuldentragfähigkeit

Schuldentragfähigkeit

Die Corona-Pandemie treibt weltweit die Staatsverschuldung in die Höhe. Ob Staaten dadurch von Staatspleiten bedroht sind, hängt von ihrer Schuldentragfähigkeit ab. Doch wie lässt sich die bestimmen?

text
Christian Kopf

Entscheidend für die Schuldendynamik ist der Primärsaldo. Er setzt sich zusammen aus den Staatseinnahmen in Form von Steuern und Abgaben abzüglich der Primärausgaben in Form von Personal- und Sachaufwand sowie Transferzahlungen. Von diesem Primärsaldo (p) werden die Zinsausgaben als Produkt von Staatsschulden (D) und jeweiligem Zinssatz (r) abgezogen. Dies ergibt den Finanzierungssaldo des Staates.

Liegt der Primärsaldo über dem schuldenstabilisierenden Primärsaldo (p*), ist die Staatsverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt rückläufig. Umgekehrt droht eine explosive Schuldenentwicklung. Der schuldenstabilisierende Primärsaldo ist die Differenz zwischen der nominalen Verzinsung der Staatsanleihen (r) und dem nominalen Trendwachstum des Landes (g) multipliziert mit der Staatsverschuldung (D). In einer Formel ausgedrückt: p* = (r-g) x D. Das nominale Trendwachstum setzt sich dabei aus Inflation und realem Wachstum zusammen.

Social Media Botschaften Manipulation

Achtung vor Manipulation

Künstliche Intelligenz und Micro Targeting bieten Chancen aber auch Risiken für die digitale Welt. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sieht dadurch schlimmstenfalls die Konsensfähigkeiten der Gesellschaft bedroht.

Globalisierung Interviewpartner Reflexion

Globalisierung bedeutet für mich …

Jedes Schwerpunktthema hat eine persönliche Bedeutung für unterschiedliche Menschen. Weitwinkel bat Interviewpartner und weitere Experten um eine ganz persönliche Einschätzung und Vervollständigung dieses Satzes: Globalisierung bedeutet für mich …