KI bewegt viele

Und die Meinungen gehen auseinander, was die künstliche Intelligenz für die Welt bedeutet. Ist sie Chance? Ist sie Risiko? Und wie wird sie die Welt verändern?

1/3 der weltweit größten Konzerne wird im Jahr 2027 nicht mehr existieren.

Digitalisierung Gesellschaft Chancen

Guter Roboter? Böser Roboter? 

Die künstliche Intelligenz hat in der vergangenen Dekade den Sprung zu selbstlernenden Computern geschafft. Was macht diese Roboterrevolution mit unseren Gesellschaften? Wer sind die Gewinner und die Verlierer?

Der 11. Mai 1997 markierte eine Zeitenwende im Verhältnis Mensch und Maschine. Denn an diesem Tag gelang es erstmals einer Maschine, dem IBM-Computer Deep Blue, den russischen Schachweltmeister Garri Kasparow in New York im „Spiel der Könige“ zu schlagen. Lange galt Schach selbst für die schnellsten Maschinen als zu komplex, um alle möglichen Varianten zu berechnen. Doch das IBM-Team hatte die Leistungsfähigkeit von Deep Blue gesteigert. Der Rechner war so in der Lage, bis zu 200 Millionen potenzielle Positionen in einer Sekunde zu analysieren. Das war selbst für ein Superhirn wie Kasparow zu viel.

Kränkung der Menschheit 

Mit dem verlorenen Turnier von 1997 wurde eine menschliche Grundangst geweckt, nämlich dass Maschinen den Menschen nicht nur in Kraft und Ausdauer übertreffen, sondern ihm auch durch ihre künstliche Intelligenz (KI) überlegen sein könnten. Mit zunehmender Digitalisierung und einer immer stärkeren KI beginnen Roboter, unsere Gesellschaft und die Arbeit in vielen Branchen tief greifend zu verändern.

Die Entscheidung aber, ob der Siegeszug der KI das Beste oder Schlechteste ist, was der Menschheit widerfährt, liege in der Hand der Menschen selbst, sagte der im März 2018 verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking. Einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge sind die Deutschen in dieser Frage zwiegespalten. Die eine Hälfte sieht künstliche Intelligenz eher als Gefahr, die andere eher als Chance.

Wovon träumen Androiden?

KI war und ist seit Langem in Literatur und Film ein Sujet für Science-Fiction-Fantasien. Festzuhalten bleibt jedoch, dass KI und ihre Technik der statistischen Analyse – zumindest bislang – nicht in der Lage sind, eigene Ambitionen und Interessen zu verfolgen, oder ganz menschlich gar zu täuschen oder zu lügen. „Künstliche Intelligenz sollte uns nicht mehr Angst machen als Statistik“, ist Lorena Jaume-Palasí überzeugt. Für Palasí, Mitglied des Weisenrats künstliche Intelligenz und Datenpolitik der spanischen Regierung, bedeute das jedoch nicht, dass KI ganz und gar harmlos sei. Je nach Programmierung können Daten und Algorithmen für Maschinen ihre eigene Logik haben. Was passiert etwa, wenn ein Computerprogramm in einem atomaren Präventivschlag die beste Strategie sehen sollte? Tesla- und Space X-Chef Elon Musk warnt dementsprechend, dass unkontrollierbare KI die wohl größte Gefahr für die Menschheit darstelle. Daher gibt es inzwischen eine breite Diskussion, ob die KI reguliert und gesetzlich reglementiert werden sollte.

Die Welt aus den Augen eines Roboters

Das US-Start-up Affectiva hat eine künstliche Intelligenz mit einer Datenbank von über sechs Millionen Gesichtern unterschiedlichster Ethnien und Nationalitäten programmiert, um menschliche Emotionen zu erkennen. Die sogenannte Emotion KI analysiert die menschliche Mimik. Als Indikatoren dienen Augen- und Mundbewegungen, Blickrichtungen und Anspannungen der Gesichtsmus­kulatur, sie werden in Punkte aufgelöst und dann ausgewertet. Noch sind die Ergebnisse eher ernüchternd: Ein und derselbe durch Mimik gezeigte Gefühlsausbruch wird von der KI manchmal gegensätzlich interpretiert.


„Künstliche Intelligenz sollte uns nicht mehr Angst machen als Statistik.“
Lorena Jaume-Palasí
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Die Voraussetzung für Industrie 4.0

Jede neue Maschinengeneration weckt auch Ängste um den Arbeitsplatz. Und das schon sehr lange. Heute ist die vernetzte industrielle Fertigung, besser bekannt als Industrie 4.0, das Feld, in dem KI nach Meinung vieler Experten künftig eine zentrale Rolle spielen wird. Das Ziel sind dabei sogenannte „Smart Factories“, in denen weitgehend selbststeuernde Maschinen einen Großteil der Produktion und Logistik übernehmen.

Für Technologieunternehmen wie die japanische Fanuc, einem der weltweit führenden Hersteller in der Fabrikautomatisierung und Robotertechnologie, ist dies keine Zukunftsmusik, sondern Tagesgeschäft. „Große Hoffnungen setzen wir auf kollaborative Roboter, die ‚Hand in Hand‘ mit Menschen arbeiten können. Wenn solche Roboter das ‚Internet of Things‘, Sensoren und andere Instrumente optimal nutzen und die gesammelten Informationen mithilfe von KI verarbeiten können, wird die Automatisierung in den Fabriken noch einmal deutlich ausgeweitet werden“, schätzt Shinichi Tanzawa, CEO bei Fanuc Europe.

Shinichi Tanzawa

ist seit 1. September 2016 Präsident und CEO der Fanuc Europe Corporation. In dieser Funktion ist er verantwortlich für alle europäischen Aktivitäten des japanischen Weltmarktführers für Fabrik­automatisierung und Robotertechnologie.


Veränderungen in den Bereichen „Blue“ und „White Collar“

Doch während im Industriezeitalter vor allem die Arbeiter betroffen waren, wird im Informationszeitalter eine immer leistungsfähigere künstliche Intelligenz zunehmend auch Einzug im Dienstleistungssektor und im Bürobetrieb halten. „Fast jeder Job, an dem jemand vor einem Bildschirm sitzt und Informationen verarbeitet, ist bedroht“, unkt der US-Autor Martin Ford. Die Unternehmensberatung Boston Consulting rechnet, dass allein in Deutschland knapp acht Millionen Beschäftigte bis zum Jahr 2025 von der Automatisierung betroffen sein werden. Mehr als 60 Prozent davon sind Fachkräfte. Betroffen zu sein bedeutet in vielen Fällen allerdings nicht automatisch Arbeitslosigkeit, sondern dass sich das Jobprofil ändern wird. So müssen Roboter nicht nur von Menschen programmiert, sondern auch von Menschen gewartet werden.

Risiken und Chancen einer disruptiven Technologie

Als sogenannte disruptive Technologie hat die KI das Potenzial, Arbeitsplätze zu vernichten und neue zu schaffen. Alte Geschäftsmodelle werden infrage gestellt, ganze Branchen könnten verschwinden und neue entstehen. Forscher des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) haben etwa untersucht, wo deutsche Unternehmen bisher vernetzte Produktionstechnologien eingesetzt haben – und wie sich das auf die Zahl der Jobs insgesamt ausgewirkt hat. Zu den Erkenntnissen der ZEW-Studie zählt, dass die Investitionen in neue Technologien weitere Prozesse in Gang gesetzt haben, die sich wiederum positiv auf die Zahl der Beschäftigten auswirken. Der Einsatz von Hightech hat viele Unternehmen wettbewerbsfähiger gemacht. Sie können zu günstigeren Preisen größere Mengen produzieren. Aus diesem Grund werden mitunter an anderen Positionen mehr Leute angestellt. Hinzu kommt, was die ZEW-Forscher „Multiplikator-Effekt“ nennen: Mitarbeiter und Anteilseigner der produktiveren Firmen haben mehr Geld zur Verfügung und geben es aus. Das schafft an anderen Stellen der Wirtschaft Jobs. Allerdings unterscheiden sich die Auswirkungen je nach Branche deutlich.

1 Prozent

der Jobs in den USA sind Tätigkeiten, die es vor einem Vierteljahrhundert noch gar nicht gab.

Schluss mit „roboten“

Es ist absehbar, dass die meisten Menschen, die heutzutage in Produktion und Servicejobs arbeiten, künftig neue Fähigkeiten erwerben müssen. Im Ergebnis könnte die Roboterrevolution also zu einer Transformation des Bedarfs an Kompetenzen führen. Doch der Mensch bleibt auch im Informationszeitalter unersetzlich. Prof. Stuart Russell, der an der Berkeley-Universität in Kalifornien über künstliche Intelligenz forscht, sieht menschliche Arbeit und Kreativität durch die KI sogar aufgewertet: „Damit kommen wir endlich weg davon, Menschen als Roboter zu nutzen, wie wir es seit 200 Jahren tun.“

Künstliche Intelligenz Anwendungen Asset Management

KI eröffnet ein neues Anlageuniversum

Auch das Asset Management beschäftigt sich intensiv mit künstlicher Intelligenz. Jörg Schneider, Fondsmanager des auf Zukunftsthemen spezialisierten Fonds UniIndustrie 4.0, berichtet von seinen Erfahrungen.

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Jörg Schneider

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Künstliche Intelligenz (KI) ist die Methode, um den sprunghaft ansteigenden Datenberg überhaupt bewältigen zu können. Während im Jahr 2015 in allen Bereichen des vernetzten Lebens noch zwölf Zettabyte Daten weltweit generiert wurden – das sind enorme zwölf Billionen Gigabyte –, dürften es 2020 schon 44 Zettabyte sein. 2025 könnte der Datenberg laut aktuellen Berechnungen schon 180 Zettabyte erreichen.

Datenverarbeitung wird immer günstiger

Hauptgrund für diese enormen Sprünge ist die Tatsache, dass Datenmessung und -verarbeitung inzwischen extrem günstig geworden sind. Egal ob Sensoren, Chips oder Speicher – Kosten sind kein limitierender Faktor mehr. Das hat auch dem sogenannten „Internet of Things“ den Weg geebnet. Immer mehr „Dinge“ sind online, immer mehr Sensoren werden verbaut – und die produzieren immer mehr Daten. Ob in der industriellen Fertigung, der Logistik, der Medizintechnik, dem autonomen Fahren oder bei den täglichen Eingaben in der Internetsuchmaschine: Immer häufiger sorgt die künstliche Intelligenz für die Aufnahme, Strukturierung und Auswertung der anfallenden Daten. Allerdings gibt es (noch) Einschränkungen. KI ist besonders dort stark, wo es um klar abgegrenzte Tätigkeiten geht, wie etwa die Mustererkennung bei Bildern, Texten und Sprache. Wird es zu diffus, versagt der Computer.

Ein Thema nicht nur für die hippen Start-ups

Ein Investment in künstliche Intelligenz kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfinden. Und es sind nicht nur die hippen Start-ups, die vom aufkommenden Megatrend profitieren. Auch etablierte Player sind auf dem Wachstumsmarkt positioniert. Healthineers, die Medizintechniksparte von Siemens, testet KI etwa bei der Analyse von Bilddaten aus Computertomografen. Und der deutsche Logistiker DHL, der chinesische Online-Retailer JD.com und Amazon profitieren ebenfalls, etwa bei der Preisfestlegung oder der automatisierten Lagerverwaltung.

Überhaupt sind die FAANG-Unternehmen, neben Amazon also Facebook, Apple, Netflix und Google, Vorreiter in Sachen KI. Ob Suchalgorithmen, personalisierte Werbung und Empfehlungen oder Marketing: Der digitale Vorsprung ist das Erfolgsgeheimnis der Tech-Konzerne.

Rückenwind für die Halbleiterhersteller

Auch beim Thema vernetzte Mobilität, bei dem die Google-Mutter Alphabet ebenfalls mitmischt, gibt es klare Gewinner: In einem Tesla sind vier Mal so viele Chips verbaut wie im aktuellen Durchschnitts-Pkw. Halbleiterhersteller wie die taiwanesische TSMC, der Dax-Wert Infineon oder die österreichische ams AG haben damit Rückenwind.

Und schließlich gibt es spezialisierte Unternehmen, die die künstliche Intelligenz in verschiedene Teilbereiche der Arbeitswelt tragen: Der schwedische Softwarekonzern Hexagon ist mit seinen Lösungen zur Verarbeitung von Messdaten auch in der Medizintechnik, der Luft- und Raumfahrt und der industriellen Fertigung unterwegs. Machine-Learning in der Produktion soll etwa Messfehler und Fertigungsausfälle reduzieren. Auf die Automatisierung von Backoffice-Prozessen setzt hingegen die britische Blue Prism. Selbstlernende Computersysteme sollen vor allem sich wiederholende Aufgaben übernehmen, wie etwa das Sperren einer Kreditkarte, das heute noch häufig von Hand erledigt werden muss.

Das Anlageuniversum für Unternehmen, die sich zumindest in Teilbereichen mit KI beschäftigen, ist schon jetzt groß, das Potenzial ist aber größer. Viele der führenden Firmen befinden sich noch in der Start-up-Phase und sind dementsprechend nicht börsennotiert. Die Zukunft hat also gerade erst begonnen.

Jörg Schneider

Jörg Schneider verantwortet als Portfoliomanager bei Union Investment den auf Zukunftsthemen spezialisierten Fonds UniIndustrie 4.0.


Robotik Science-Fiction Pioniere

Wie die Roboter denken lernten

Maschinen, die dem Menschen zum Verwechseln ähnlich sind: Das fasziniert Künstler und Erfinder seit Jahrhunderten. Der Zeitstrahl zeigt in Meilensteinen, wie aus Automaten Schritt für Schritt intelligente Roboter wurden und was die Science-Fiction zu dieser Evolution gesagt hat.

Wie die Roboter denken lernten
  • MITTELALTER BIS 1920
  • 1920 BIS 1980
  • 1980 BIS 2000
  • 2000 BIS HEUTE
1478

Leonardo da Vincis Karren

Leonardo da Vinci skizziert auf Blatt 812 seines „Codex Atlanticus“ einen selbstfahrenden Karren, also im Grunde einen Fahrroboter. Mit seiner Zeichnung eines Ritterroboters erschafft er außerdem den ersten geschichtlich belegten Humanoiden.

1738

Jacques de Vaucansons laufende Ente

Jacques de Vaucanson baut als Meisterwerk eine watschelnde Ente, die auch schnattern, Wasser trinken und Körner fressen kann. 1745 konstruiert de Vaucanson einen vollmechanischen Webstuhl, der mit Lochkarten programmiert werden kann.

1868

The Steam Man of the Prairies

Edward S. Ellis schreibt den ersten Science-Fiction-Groschenroman in den USA. Teil der Geschichte ist ein dampfgetriebener Maschinenmensch. Solche Schöpfungen heißen damals noch „mechanischer Mensch“, da der Begriff „Roboter“ erst 1920 geprägt wird.

1920

R.U.R

Mit seinem Drama R.U.R. (für „Rossumʼs Universal Robots“) prägt Karel Čapek den Begriff Roboter. Ursprung ist das tschechische Wort „robota“, auf Deutsch in etwa „Frondienst“ oder „Zwangsarbeit“.

1927

Metropolis von Fritz Lang

Der stilbildende Stummfilm „Metropolis“ von Fritz Lang liefert eine der bekanntesten Roboterdarstellungen dieser Zeit. Bezeichnet wird der Roboter mit weiblichem Körper schlicht als „Maschinenmensch“, in der Romanvorlage heißt er „Futura“.

1939

Elektro

Der humanoide Roboter „Elektro“, konstruiert vom US-Konzern Westinghouse, sorgt für Aufsehen bei der New Yorker Weltausstellung. Er kann sich bewegen, seine Finger abzählen, eine Zigarre rauchen und 700 Wörter sprechen. Ein Jahr später bekommt er einen Roboterhund an die Seite gestellt.

1955

Künstliche Intelligenz

31. August 1955: Der Informatiker John McCarthy etabliert den Begriff „Künstliche Intelligenz“. Er verwendet ihn in einem Förderantrag für eine Konferenz am Dartmouth College – auch sie wird zum Meilenstein der KI-Geschichte.

1961

Unimate

Der weltweit erste Industrieroboter „Unimate“ beginnt mit der Arbeit. In einem Werk von General Motors hebt er schwere Druckgussteile vom Fließband und schweißt sie an Karosserien.

1972

Shakey

„Shakey“ stammt aus dem Labor für künstliche Intelligenz am Stanford Research Institut. Er kann als erster Roboter der Welt seine Aktionen selbst planen. Dafür nutzt er Robotik, Bildverarbeitung und Spracherkennung.

1984

Terminator

Der erste Teil von „Terminator“ erscheint. Arnold Schwarzenegger verkörpert darin T-800, einen auf das Töten von Menschen optimierten Androiden aus der Zukunft. Trotz vergleichsweise geringem Budget erlangen der Film und dessen Roboterdarstellung Kultstatus.

1985

Puma 200

Das Robotersystem „Puma 200“ hilft dabei, im OP-Saal Nadeln bei einer Hirnbiopsie zu positionieren. Erstmals unterstützt damit ein Roboter eine Operation. Seine Tauglichkeit für diese Aufgabe hat „Puma 200“ zuvor an einer Wassermelone bewiesen.

1996

Deep Blue

Der Schachcomputer „Deep Blue“ schlägt den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow. Unter Turnier- und Wettkampfbedingungen ist das vorher noch keiner KI gelungen. Ehrenrettung für Kasparow: Das Match, das aus insgesamt sechs Partien besteht, gewinnt er am Ende mit 4:2.

1999

Aibo

Die erste Generation der „Aibo“-Roboterhunde von Sony kommt auf den Markt. Sie bringen Roboter erstmals in größerem Umfang in Privathaushalte. Die 3.000 Exemplare für Japan sind laut Sony in 18 Minuten verkauft.

2002

Roomba

Der Staubsauger „Roomba“ fügt der Formsprache von Robotern eine neue Variante hinzu. Statt auf Beinen flitzt der flache Haushaltsroboter auf Rollen durch den Raum.

2007

Gleichgewicht

Durchbruch beim Thema Gleichgewichtssinn: Der zweibeinige „Runbot“ kann seinen Gang unterschiedlichen Bodenverhältnissen anpassen und lernt während seiner Gehversuche dazu. Entwickelt wird „Runbot“ in einem Forschungszentrum an der Universität Göttingen.

2011

Siri

„Siri“ gibt der künstlichen Intelligenz eine Stimme. Apple integriert den Software-Roboter in sein iPhone 4S.

2012

Toyota Prius

Erstmals erhält ein autonomes Auto, ein von Google modifizierter Toyota Prius, eine Straßenzulassung, gültig für den US-Bundesstaat Kalifornien. Allerdings wird verlangt, dass ein Fahrer mit gültigem Führerschein hinter dem Steuer sitzt, um im Notfall einzugreifen.

2017

Atlas

Der humanoide Roboter „Atlas“ von Boston Dynamics vollführt einen Rückwärtssalto. Bedenkt man, welche Hürde lange Zeit allein das Vorwärtslaufen war, ist das ein sehr großer Fortschritt.

2018

Sophia

Bundeskanzlerin Merkel gibt dem mit künstlicher Intelligenz gefütterten Roboter „Sophia“ ein Interview. Thema unter anderem: das frühe Ausscheiden der DFB-Elf bei der Fußball-WM in Russland.

Künstliche Intelligenz Vergütungsmodelle Bedingungsloses Grundeinkommen

(K)eine Alternative zum Sozialstaat

Was passiert mit den Millionen Erwerbstätigen, deren Arbeit durch KI ersetzt wird? Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) eine Lösung sein? Der Ökonom Prof. Thomas Straubhaar und der Armutsforscher Prof. Christoph Butterwegge diskutierten diese Frage in einem E-Mail-Wechsel.

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Felix Schütze

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Miguel Porlan

Felix Schütze schrieb am 28.08.2018 um 15:00 Uhr 
KI und Robotik sind ein Megatrend mit weitreichenden Folgen für die menschliche Arbeit und Arbeitskraft. Nun gibt es verschiedene Ansätze, wie die negativen Auswirkungen gesellschaftlich aufgefangen werden können. Herr Prof. Straubhaar, was wäre für Sie die ideale Antwort auf diese Herausforderung?

Prof. Thomas Straubhaar schrieb am 28.08.2018 um 15:19 Uhr
Auf so grundsätzliche Veränderungen, wie sie durch KI und Robotik verursacht werden, kann man entweder so reagieren, dass man die neue Welt für alte Ideologien und Dogmen passend zu machen versucht, oder aber, man passt alte Gesetzmäßigkeiten der neuen Welt an. Im ersten Fall wird das Neue als Risiko für das Alte bewertet. Politik soll Bestehendes so weit wie möglich schützen und erhalten. Die zweite Verhaltensweise akzeptiert, dass die Digitalisierung die Welt, das Leben und den Alltag in kommenden Zeiten umfassend verändern wird. Das Neue wird jedoch als Chance gesehen. Ein Festhalten an überholten wirtschaftspolitischen Ideologien der Vergangenheit wird den Chancen der Digitalisierung nicht gerecht und mehr neue Probleme verursachen als alte lösen. Sich den neuen Gegebenheiten anzupassen ist deshalb die weisere Entscheidung, als mit ständigen Notreparaturen einen Einsturz instabil gewordener sozialpolitischer Strukturen verhindern zu wollen.

Prof. Thomas Straubhaar

Jahrgang 1957, ist Ökonom und Migrationsforscher. Er ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen der Universität Hamburg. Straubhaar ist Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.


Felix Schütze schrieb am 28.08.2018 um 16:28 Uhr
Wäre das bedingungslose Grundeinkommen für Sie ein Weg, sich diesen neuen Gegebenheiten anzupassen? Prof. Thomas

Straubhaar schrieb am 28.08.2018 um 16:55 Uhr
Ja, ohne Wenn und Aber. Mit einem vom Staat finanzierten ohne Bedingungen an alle ausbezahlten Grundeinkommen soll das Existenzminimum in jeder Lebensphase gewährleistet werden. Alle, die Hilfe benötigen, werden auf jeden Fall und immer unterstützt. Niemand bleibt jemals ohne Hilfe, niemand fällt zu irgendeinem Moment unterhalb des Existenzminimums.

Das BGE erhöht die individuelle Risikobereitschaft und die gesellschaftliche Akzeptanz, die fundamentalen demografischen, technologischen und strukturellen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts eher als Chance denn als Bedrohung zu bewerten. Es eröffnet Menschen finanzielle Spielräume für eine Neuorientierung und ermächtigt sie immer wieder von Neuem, sich anzupassen und neu anzufangen, um mit den vielfältigen Veränderungen mithalten und neuen Anforderungen gerecht werden zu können.

Des Weiteren erzwingt der durch die Digitalisierung ausgelöste strukturelle Wandel eine Abkehr von einer Finanzierung der Sozialversicherungen über Arbeitslöhne hin zu einer Steuerfinanzierung, die auch die Wertschöpfung der Automaten, Roboter, Algorithmen und der künstlichen Intelligenz in die Solidarpflicht miteinbezieht.

Felix Schütze schrieb am 28.08.2018 um 17:03 Uhr
Herr Prof. Butterwegge, Sie sind da anderer Meinung, warum?

Prof. Christoph Butterwegge schrieb am 28.08.2018 um 20:03 Uhr
Ungern verkneife ich mir die Randbemerkung, dass Herr Straubhaar die „instabil gewordenen sozialpolitischen Strukturen“, mit denen er das Grundeinkommen begründet, durch seine früheren Rufe nach niedrigeren Löhnen, mehr prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie einem Rumpfsozialstaat à la „Agenda 2010“ und Hartz IV als Politikberater mit herbeigeführt hat. Jetzt muss die Digitalisierung, neben der Globalisierung und dem demografischen Wandel die Dritte Große Erzählung unserer Zeit, mit der den Menschen Angst vor Arbeitsplatz- und Wohlstandsverlusten gemacht wird, zur Rechtfertigung der Zerschlagung des bewährten Sozialstaates herhalten.

Warum im Zuge der Digitalisierung eine Abkehr von beitragsbezogenen hin zu einer Steuerfinanzierung von Sozialleistungen erfolgen muss, erschließt sich mir nicht. Steuerfinanzierung impliziert, dass sich die Arbeitgeber nicht mehr halbparitätisch an der Finanzierung des Sozialstaates beteiligen und dass der Bundesfinanzminister alle Sozialtransfers – das gilt auch für ein vom Staat gezahltes Grundeinkommen – jedes Jahr bei den Haushaltsberatungen auf den Prüfstand stellt. Wozu der „Spardruck“ in Krisenzeiten führt, lässt sich denken. Nur beitragsfinanzierte Sozialleistungen genießen den verfassungsrechtlichen Schutz nach Artikel 14 Grundgesetz (Eigentumsgarantie).

Ob 1.000 Euro im Monat, von denen man anders als bei Hartz IV noch die Wohn- und Heizkosten sowie in den meisten BGE-Modellen auch noch die (private) Krankenversicherung bezahlen muss, den Menschen tatsächlich „finanzielle Spielräume“ für eine Neuorientierung im Sinne der von Straubhaar glorifizierten unternehmerische Privatinitiative eröffnet, bezweifle ich. Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet die Aufkündigung der Solidarität mit den Unterprivilegierten und die Abkehr vom Ziel der Bedarfsgerechtigkeit. Es schert alle Menschen über einen Kamm, unabhängig von ihren konkreten Lebensumständen, und läuft auf eine Sozialpolitik nach dem Gießkannenprinzip hinaus. Über allen Bürgern wird dieselbe Geldsumme ausgeschüttet, ganz egal, ob sie das Geld brauchen oder nicht. Der Multimillionär wird genauso behandelt wie die Multijobberin. Und das soll gerecht sein? Seit den Philosophen des Altertums ist bekannt, dass Gleiche gleich und Ungleiche ungleich behandelt werden müssen, soll es gerecht zugehen.

Felix Schütze schrieb am 29.08.2018 um 8:31 Uhr
Was wäre für Sie eine bessere und gesamtgesellschaftlich sinnvollere Alternative zum BGE, Herr Prof. Butterwegge?

Prof. Christoph Butterwegge schrieb am 29.08.2018 um 10:51 Uhr
Statt den bestehenden Sozialstaat mit der Sozialversicherung (Kranken-, Unfall-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung) als seinem institutionellen Kern zu zerstören und dieses von Bismarck begründete System durch ein steuerfinanziertes Grundeinkommen zu ersetzen, wie dies etwa Herr Straubhaar vorschlägt, möchte ich es zur solidarischen Bürgerversicherung weiterentwickeln.

Alle Bevölkerungsgruppen wären einbezogen, also auch Selbstständige, Freiberufler, Beamte, Abgeordnete und Minister, die Beiträge auf sämtliche Einkommen entrichten müssten, auch auf Kapitaleinkünfte (Dividenden, Tantiemen und Zinsen) sowie Miet- und Pachterlöse. Die bestehenden, Solidarität für Spitzenverdiener bislang beschränkenden Beitragsbemessungs- und Versicherungspflichtgrenzen sollten auf- oder zumindest stark angehoben werden. Ein inklusiver Sozialstaat, wie er mir vorschwebt, würde komplettiert durch eine soziale Grundsicherung, die ihren Namen im Unterschied zu Hartz IV wirklich verdient. Sie müsste bedarfsgerecht, armutsfest und repressionsfrei sein, also ohne Sanktionen auskommen. Unter diesen leiden Arbeitslosengeld-II-Bezieher unter 25 Jahren besonders stark, weil sie schon bei der zweiten Pflichtverletzung vom Jobcenter nicht bloß die Geldleistung gestrichen, sondern auch keine Miet- und Heizkosten mehr erstattet bekommen und dadurch oft auf der Straße landen.

Prof. Christoph Butterwegge

Jahrgang 1951, ist Politikwissenschaftler, Armutsforscher, Buchautor und lebt in Köln. Butterwegge ist Mitglied der Forschungsstelle für interkulturelle Studien (FiSt). 2017 kandidierte er für die Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten.


Felix Schütze schrieb am 29.08.2018 um 11:18 Uhr
Bei dem BGE stellt sich die Frage der Finanzierung. Wäre eine von Robert Shiller schon einmal genannte Robotersteuer eine Möglichkeit?

Prof. Thomas Straubhaar schrieb am 30.08.2018 um 7:55 Uhr
Nein, eine Robotersteuer ist eine unkluge Reaktion. Schon Marx machte den Fehler, in der Maschine den Feind des Menschen zu sehen. Dabei ist sie ihr Freund. Sie macht Menschen leistungsfähiger, also produktiver. Eine Robotersteuer bremst den Einsatz von Automaten und Maschinen. Damit wird die Arbeitsproduktivität – also was Menschen pro Stunde an Mehrwert schaffen – gedämpft. Wenn Menschen von Hand Briefe sortieren, schaffen sie den Bruchteil dessen, was kluge Roboter leisten – fehlerfrei, rund um die Uhr ohne Leistungsabfall. Reine Handarbeit statt Roboterunterstützung wirkt sich negativ auf die Lohnentwicklung aus. Längerfristig können durch eine Verlangsamung der Roboterisierung die Wettbewerbsfähigkeit und als Folge davon sogar Beschäftigung und Wachstum gefährdet werden. Am Ende verliert dann der scheinbar geschützte Mensch seinen Job – vielleicht nicht an den Roboter von nebenan, sondern an das Ausland.

Somit dürfte es klüger sein, nach Verfahren zu suchen, welche die gesamte Wertschöpfung im Fokus haben. Die wohl am ehesten praktikable Reaktion des Sozialstaates auf die „Entdinglichung“ und Flucht der Wertschöpfung durch die Digitalisierung dürfte sich bei einer Besteuerung der Eigentümer der Roboter finden lassen. Sobald Firmen Gewinne an ihre Aktionäre ausschütten, muss der Fiskus einen Anteil der Profite erhalten – die ja den Mehrwert widerspiegeln, der mit einem erfolgreichen innerbetrieblichen Zusammenspiel von Mensch und Maschine geschaffen wurde. Also nicht eine Robotersteuer, sondern eine Besteuerung der Robotereigentümer ist die beste Antwort auf den Angriff der Roboter auf menschliche Arbeitsplätze.

Prof. Christoph Butterwegge schrieb am 30.08.2018 um 8:05 Uhr
„Maschinen-“ oder „Robotersteuer“ ist ein irreführender Begriff. Es würde sich um eine Wertschöpfungsabgabe handeln, für die sich seinerzeit zum Beispiel Bert Rürup aussprach, als in den 1980er Jahren nach einer Möglichkeit gesucht wurde, die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen und eine gerechtere Bemessungsgrundlage für die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung zu finden. Dass sie sich immer noch nach der Bruttolohnsumme des Unternehmens richten, führt zu einer „Belohnung“ der Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen.

Prof. Thomas Straubhaar schrieb am 30.08.2018 um 8:17 Uhr
Ihr Einwand zeigt doch gerade, wie viele falsche Vorbehalte da aufeinanderprallen! Denn eine Wertschöpfungssteuer auf die gesamte Bruttowertschöpfung in einer Volkswirtschaft – so wie in meinem Modell zur BGE-Finanzierung gefordert – und nicht nur auf die Bruttolohnsumme, so wie andere es wollen, schließt auch die Wertschöpfung von Kapital, also Robotern und Maschinen, ein und würde auch auf Zinsen, Mieten, Pachten, Gewinnen, Dividenden und allen übrigen Einkommen erhoben, die an Personen fließen. Damit wäre genau das Postulat von Prof. Butterwegge erfüllt, dem ich nämlich zustimme, dass auch Selbstständige, Freiberufler, Beamte, Abgeordnete und Minister auf sämtliche Einkommen diese Wertschöpfungssteuer entrichten müssten, und ebenso, dass alle Beitragsbemessungs- und Versicherungspflichtgrenzen komplett entfallen, da es für alle gar keine Beiträge mehr gäbe, sondern nur noch diese Wertschöpfungssteuer.

Prof. Christoph Butterwegge schrieb am 30.08.2018 um 8:23 Uhr
Natürlich würden immer die Eigentümer der Roboter besteuert oder mit einer Wertschöpfungsabgabe belegt und nicht die Maschinen. Mancher Kritiker glaubt allerdings, dass das Auto nicht eingeführt worden wäre, wenn man den Pferden weniger Futter gegeben hätte. Auch Herr Straubhaar fürchtet gleich um „unsere“ Wettbewerbsfähigkeit, die so etwas wie das goldene Kalb der Mainstream-Ökonomen ist. Wie ihr riesiger Exportüberschuss zeigt, liegt das Problem der deutschen Volkswirtschaft allerdings nicht in einem Mangel an Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten, sondern ganz woanders. Denn die Eurokrise resultiert ja gerade mit daraus, dass die Bundesrepublik mehrere Länder der südlichen EU-Peripherie durch Lohndumping „niederkonkurriert“ und genötigt hat, ihre wachsenden Importe über Kredite zu finanzieren, die sie dann nicht mehr bedienen konnten.

Statt einer „Robotersteuer“ werden auch radikalere Lösungen diskutiert. Wenn tatsächlich Roboter, Automaten, Algorithmen und KI für eine hohe Wertschöpfung sorgen, ohne dass der Einsatz menschlicher Arbeitskraft nötig ist, wie die BGE-Befürworter behaupten, stellt sich beispielsweise die Frage, warum diese Dukatenesel des digitalen Zeitalters wenigen Hyperreichen und nicht der ganzen Gesellschaft gehören sollen.

Felix Schütze schrieb am 30.08.2018 um 8:46 Uhr
Gesetzt den Fall, das BGE wird eines Tages deutschlandweit eingeführt, besteht dann nicht eine erhöhte Inflationsgefahr, die wiederum den Wert des BGE konterkariert?

Prof. Thomas Straubhaar schrieb am 30.08.2018 um 10:31 Uhr
Nein, überhaupt nicht. Wenn man das BGE über eine direkte Wertschöpfungssteuer finanziert (und nicht, wie es beispielsweise Götz Werner, der Gründer und Chef der dm-Drogeriekette und Unterstützer eines BGE, über eine indirekte Konsumsteuer möchte), wird das keine inflationären Tendenzen auslösen. Denn erstens wird genau die gleich hohe Summe von rund einer Billion Euro pro Jahr auch heute bereits für den Sozialstaat ausgegeben. In meinem Falle dann eben nicht so wie bis dahin über verschiedene Kanäle, sondern gebündelt in einem einzigen Universaltransfer in Form eines integrierten Steuertransfermodells mit einheitlichem Brutto- und individuellem Nettosteuersatz – genau das, was Prof. Butterwegge fordert: Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Zweitens ist am Ende Inflation immer noch primär eine Folge einer expansiven Geldpolitik. Und darauf hat ein BGE kaum einen unmittelbaren Einfluss.

Felix Schütze schrieb am 30.08.2018 um 11:44 Uhr
Herr Prof. Butterwegge, sehen Sie das auch so und Ihre Forderung tatsächlich erfüllt?

Prof. Christoph Butterwegge schrieb am 30.08.2018 um 11:47 Uhr
Ich bin Politikwissenschaftler und möchte mich nicht in den Streit der Ökonomen darüber einmengen, ob es zu einem Inflationsschub käme. Die eigentlichen Pferdefüße des Grundeinkommens liegen nämlich anderswo. So kann es als Kombilohn für alle wirken, weil der Staat das Existenzminimum der Menschen (wenn auch auf einem niedrigen Niveau) absichert. Dann muss ein Arbeitgeber nur noch wenig „obendrauf legen“, damit ein Arbeitswilliger sein Auskommen findet, wodurch der deutsche Niedriglohnsektor – heute schon der größte in Europa – weiter expandieren würde. Falls die BGE-Bezieher gar nicht mehr arbeiten müssten, weil der Zahlbetrag so hoch wäre, dass er für ein gutes Leben reicht, würde es als staatliche Stilllegungsprämie für Arbeitnehmer und teuerste Subvention für ihre Unternehmen wirken. Beides kann ich nicht gutheißen, ebenso wenig wie den Pull-Effekt des Grundeinkommens, der für eine vermehrte Zuwanderung nach Deutschland sorgen und höchstwahrscheinlich zu einer noch restriktiveren Migrations- und Asylpolitik der Bundesrepublik führen würde.

Dass der Arme und der Reiche unterschiedlich behandelt werden, vermag ich nicht zu erkennen, wenn beide denselben Zahlbetrag als Grundeinkommen erhalten und demselben Steuersatz von 50 Prozent bei der Einkommensteuer unterliegen, wie Herr Straubhaar vorschlägt. Während die Spitzenverdiener heute schon einen ähnlich hohen Steuersatz haben, würde die Mittelschicht ordentlich zur Kasse gebeten und das Grundeinkommen letztlich finanzieren. Wahr ist auch: Während die Reichen das Grundeinkommen nicht brauchen, reicht es für die Armen hinten und vorne nicht. Selbst ein Hartz-IV-Bezieher erhält mehr als 1.000 Euro, zumindest wenn er in einer Großstadt mit hohen Mieten lebt: 416 Euro beträgt sein Regelbedarf, dazu kommen in manchen Kommunen über 500 Euro an Miet- und Heizkosten, die das Jobcenter ebenso übernimmt wie die Kosten der Kranken- und Pflegeversicherung.

Felix Schütze schrieb am 30.08.2018 um 12:08 Uhr
Wir kommen zum Ende dieser spannenden Diskussion, Herr Prof. Butterwegge, Herr Prof. Straubhaar, ich bitte Sie um eine abschließende Einschätzung.

Prof. Christoph Butterwegge schrieb am 30.08.2018 um 14:46 Uhr
Nur auf den ersten Blick wirkt das Grundeinkommen faszinierend; schaut man genauer hin, überwiegen eindeutig die Nachteile. Prof. Straubhaar benennt offen dessen (unsoziale) Konsequenzen, was ihn von den meisten anderen BGE-Protagonisten im positiven Sinn unterscheidet: Er weist nicht bloß darauf hin, dass alle bisherigen Sozialleistungen (neben Geld- auch Dienst- und Sachleistungen) wegfallen würden, sondern merkt auch an, dass es keinen Kündigungsschutz, keinen Mindestlohn und keine Tarifverträge mehr geben würde. Ob dies noch eine soziale Marktwirtschaft oder Raubtierkapitalismus pur wäre, muss jeder für sich entscheiden. Unsere sozial und politisch zerrissene Republik braucht dringend mehr sozialen Ausgleich, höhere (Mindest-)Löhne und höhere Regelsätze für Transferleistungsbezieher, eine stärkere Belastung hoher Einkommen und Vermögen, kurz: Umverteilung von oben nach unten, wovon das Grundeinkommen eher ablenkt, weil es den falschen Eindruck erweckt, als herrsche zumindest nach seiner Einführung soziale Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit für alle Gesellschaftsmitglieder.

Prof. Thomas Straubhaar schrieb am 30.08.2018 um 16:35 Uhr
Zunächst noch einmal: Entscheidend sind doch nicht die Brutto-, sondern und im Endeffekt ausschließlich die Nettosteuersätze. Und es ist reine Mathematik und hat nichts mit Ideologie zu tun, dass ein für alle identisches BGE, das durch einen auf alle Wertschöpfung gleichermaßen erhobenen konstanten Steuersatz von 50 Prozent finanziert wird, progressiv wirkt, was bedeutet, dass wer besser verdient, sowohl mehr Steuern zahlt wie auch einen höheren Nettosteuersatz hat, als wer wenig(er) verdient. Anders als bei einem flüchtigen Blick vermutet, ist das bedingungslose Grundeinkommen keine Gießkanne, die allen einen warmen Regen beschert. Im Gegenteil: Das BGE ist zielgenau. Die Analyse der Nettosteuerbelastung macht klar, dass Schwache unterstützt und Starke belastet werden. Wer kein eigenes Einkommen hat, erhält vom Staat Geld; wer viel Einkommen hat, bezahlt auch (netto) viel.

Das Grundeinkommen setzt auf Leute, die motiviert sind, etwas zu leisten. Denn die Zukunft Deutschlands hängt von den Leistungswilligen und -fähigen ab. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Firmen und damit das gesamtwirtschaftliche Wohlstandsniveau werden durch die Kreativen, die Innovativen und die Leistungsträger bestimmt. Sie müssen genauso gefördert werden, wie die Schwächeren gegen Not und Elend abzusichern sind. Nicht alle werden die sich bietenden Möglichkeiten eines bedingungslosen Grundeinkommens nutzen. Aber wenigstens sollten die neuen Chancen allen offenstehen.

Risikobeurteilung Autonomes Fahren Gesetzgebung

KI und Ethik

Wie kann KI gesetzlich reguliert werden? Das ist auch eine ethische Frage. Das autonome Fahren ist dafür ein gutes Beispiel.

Der ganz normale Großstadtverkehr wird plötzlich zur Ausnahmesituation: Zwei Personen betreten unvermittelt nur Meter von der Kühlerhaube entfernt die Straße. Von rechts ein Kind, das einem Ball nachrennt. Von links eine ältere Dame, die ohne zu schauen die Straße überquert. Der Insasse des autonom gesteuerten Autos ist mit seinem Smartphone beschäftigt. Das Roboterauto muss in Sekundenbruchteilen beide „Hindernisse“ erfassen und entscheiden. Wohin soll das Auto ausweichen? Welche der beiden Personen ist wichtiger?

Mit solchen Fragen der künstlichen Intelligenz in autonomen Fahrzeugen hat sich im Jahr 2016 im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums eine eigene Ethikkommission unter der Leitung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Prof. Udo Di Fabio beschäftigt. Im Jahr darauf hat die Kommission erste Leitlinien für Politik und Gesetzgebung vorgelegt, die eine Zulassung automatisierter Fahrsysteme erlauben, jedoch mit besonderen Anforderungen im Hinblick auf Sicherheit, menschliche Würde, persönliche Entscheidungsfreiheit und Datenautonomie.

Der Philosoph und ehemalige Staatsminister Prof. Julian Nida-Rümelin, der die Kommission als externer Experte beriet, nahm sich des oben genannten Beispiels bei der 11. Risikomanagement-Konferenz von Union Investment ebenfalls an. Im Praxisbezug war für den Professor die Frage eine ähnliche wie bei der Risikobeurteilung von Atomkraftwerken oder der seit dem 11. September 2001 diskutierten Streitfrage, ob es rechtlich zulässig sein könnte, eine entführte Passagiermaschine abzuschießen, um einen Terroranschlag zu verhindern. Alle Beispiele zeigen einen grundsätzlichen Konflikt: den Versuch, menschliches Leben gegen anderes menschliches Leben oder gar materielle Vorteile abzuwägen. Nida-Rümelin stellte dabei fest, dass in all diesen Fällen ein durch das Grundgesetz festgeschriebenes Abwägungsverbot besteht. „Das Bundesverfassungsgericht kommt zum Ergebnis, dass diese Form der Abwägung eine Verletzung des Grundgesetzes, der absoluten Geltung menschlicher Würde ist“, betonte der Philosophieprofessor.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch die Ethikkommission in ihrer neunten von insgesamt 20 Empfehlungen: „Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung nach persönlichen Merkmalen (Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Konstitution) strikt untersagt. Eine Aufrechnung von Opfern ist untersagt. Eine allgemeine Programmierung auf eine Minderung der Zahl von Personenschäden kann vertretbar sein. Die an der Erzeugung von Mobilitätsrisiken Beteiligten dürfen Unbeteiligte nicht opfern.“ Prof. Udo Di Fabio stellt dazu fest: „Jedes Menschenleben ist gleich (wertvoll, d. Red.). Eine Selektion nach Eigenschaften ist schlechterdings unzulässig.“ Das müsse Leitlinie für Programmierer sein. Denn es sei nicht die Software, die entscheide, sondern der Produzent oder Betreiber der Fahrsysteme.

Die Empfehlungen der Ethikkommission haben allerdings nur auf nationaler Ebene Relevanz und ergänzen das am 21. Juni 2017 in Kraft getretene Gesetz zum automatisierten Fahren (Achtes Gesetz zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes). Damit hat Deutschland als weltweit erster Staat die Rechte und Pflichten der Fahrzeugführenden bei der Nutzung automatisierter Fahrfunktionen geregelt. Immerhin wird inzwischen auf europäischer und G7-Ebene über gesetzliche Standards zum autonomen Fahren diskutiert. Eine globale Zusammenarbeit zur Ethik der künstlichen Intelligenz gibt es bisher aber noch nicht.

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