Ist da was faul?

Noch nie lebten so viele Menschen in Wohlstand. Doch es gibt massive Ungleichgewichte. Ist der von Ludwig Erhard einst postulierte „Wohlstand für alle“ global gesehen ein Mythos? Und wenn nicht, wie viel Wohlstand kann die Welt sich leisten?

„Noch nie lebten so viele Menschen in Wohlstand. Hätten Sie das gedacht?“

Wohlstand Weltwirtschaft Ungleichgewichte

Wohlstand für alle 2.0

Es klingt paradox: Nie gab es mehr Wohlstand für so viele, nie war gleichzeitig das Gefälle zwischen Arm und Reich größer. Welche Rolle spielt ökonomische Ungleichheit für wirtschaftliches Wachstum, politische Stabilität und prosperierende Kapitalmärkte?

Die Finanzkrise von 2008 scheint zwar endgültig überwunden. Gleichzeitig ist vor allem in den Industriestaaten die Ungleichheit gewachsen. Ein nachhaltiges Wachstum bei Löhnen und Gehältern lässt in vielen Ländern auf sich warten. Ende 2017 warnte der IWF-Chefvolkswirt Maurice Obstfeld: „Die wirtschaftliche Erholung ist unvollkommen.“ Experten der Investmentbank Goldman Sachs – verteilungspolitischer Ambitionen eher unverdächtig – empfehlen Investoren einen Blick in einen Ungleichheitsreport namens „Billionaire Bonanza 2017“.

„Die wirtschaftliche Erholung ist unvollkommen.“
Maurice Obstfeld, IWF-Chefvolkswirt
alternativer text

Warum beschäftigen sich längst nicht nur sozialkritische Ökonomen wie Joseph Stiglitz, Thomas Piketty oder Marcel Fratzscher mit Ungleichgewichten in der Vermögensverteilung? Weil gesamtwirtschaftliche Nachfrage, Wachstum und damit auch Anlageperspektiven in engem Zusammenhang stehen.

Eine Frage der Perspektive

Bei der Deutung der Erhebungen gehen aber die Meinungen zum Teil sehr weit auseinander. Die Hilfsorganisation Oxfam kommt etwa zu dem Ergebnis: Die Welt sei ungleicher geworden. Es gibt allerdings auch andere Sichtweisen. So hat etwa die Globalisierung gezeigt, dass Wohlstand für viele und eine regionale Umverteilung möglich sind. Im Rückblick auf zwei Jahrzehnte sind Hunderte Millionen Menschen besonders in den Emerging Markets durch die immer engere Verflechtung der Welt zu neuem Wohlstand gekommen. Viele Armutsforscher argumentieren daher, die Ungleichheit wachse zwar innerhalb der einzelnen Länder, sinke aber weltweit betrachtet.

Mehr Licht als Schatten

Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank, gibt zu bedenken, dass der durch die Globalisierung erzielte Wohlstand immer zwei Seiten hat, bei dem es auch Verlierer gibt. Bielmeier ist dennoch überzeugt, dass die Wohlstandsgewinne in den Schwellen- und Industrieländern unterm Strich die ungünstigen Folgen bei Weitem überwiegen. Die neue globalisierte Welt befindet sich jedoch keineswegs im Idealzustand. Trotz des neuen Wohlstands gibt es gerade in den Schwellenländern große soziale Ungleichheit und Unzufriedenheit. Ungleichheit und Armut bedrohen nicht nur die politische Stabilität, sondern auch die Wachstumsaussichten: denn ohne Nachfrage keine Produktion.

100 Prozent

der gesamten Weltbevölkerung besitzt über die Hälfte (50,13 Prozent) des globalen Gesamtvermögens.

Quelle: Oxfam Studie „Reward Work, not wealth“, 2018

Wie viel Wohlstand verträgt die Welt?

Die Hoffnung auf Wohlstand für alle dürfte sich zwar niemals wirklich erfüllen, doch global gesehen ist die Welt reicher und gleicher geworden – auch dank der Globalisierung. Wenn diese Entwicklung in den kommenden Jahren weiter fortschreitet, könnte dies aber auch negative Folgen haben: Die neue Mittelschicht der Schwellenländer möchte nämlich auch mehr konsumieren. Ein gesteigerter unkontrollierter Konsum droht allerdings die Umwelt und die Ressourcen zu belasten. Diese Entwicklung ist jedoch nicht zwangsläufig. Die Weltgemeinschaft hat es in der Hand. Die UN hat mit den Sustainable Development Goals dafür bereits eine Basis geschaffen.

Nicht die Konkurrenz der Emerging Markets mit den Industriestaaten dürfte damit die entscheidende Frage für die Zukunft sein, sondern ob beide Seiten Wachstum und Wohlstand nachhaltig gestalten. Das Asset Management kann dabei einen entscheidenden Beitrag durch Investitionen leisten, mit denen immer mehr Kleinanleger Zugang zu den Kapitalmärkten erhalten und ein Vermögen etwa für die Altersvorsorge aufbauen können. Aber auch mit zunehmend nachhaltigen Standards und Produkten für Investitionen, die ein nachhaltiges und klimafreundliches Wachstum ermöglichen.

Wohlstand Weltwirtschaft Ungleichgewichte

Bescheiden bis schamlos: Wohlstand im Bild

Ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte. Weitwinkel zeigt eine Auswahl von Bildern, die die Geschichten des Titelthemas weitererzählen.

Urbanisierung Tech-Monopole Kurzarbeit

Im Dialog: Paul Krugman und Christian Kopf

Anfang 2018 trafen wir den Nobelpreisträger Paul Krugman in New York. Die Gelegenheit nutzte Christian Kopf, Leiter des Rentenfondsmanagements von Union Investment, um dem Ausnahme-Ökonomen weitere Fragen mitzugeben, die Prof. Krugman gerne im Videochat beantwortete.

Unternachfrage Sparverhalten Wachstum

Säkulare Stagnation

Die Schwellenländer boomen, die Industrienationen schwächeln. Ökonomen suchen Ursachen. Ein Erklärungsansatz ist die „säkulare Stagnation“, was steckt dahinter?

Warum dauerte es so quälend lange, bis sich die Industriestaaten von der Finanzkrise und der darauffolgenden Staatsschuldenkrise erholten? Manche Ökonomen suchen die Ursache in der „säkularen Stagnation“, ein Begriff, der die chronische Unternachfrage nach den Gütern und Leistungen eines Landes bezeichnet. Im Jahr 2011 entdeckte Paul Krugman diesen von Alvin Hansen 1938 geprägten Begriff wieder.

Investitionstätigkeit und Sparverhalten im Ungleichgewicht

Lawrence Summers, US-Ökonom und zeitweise Finanzminister unter Barack Obama, griff in seiner Rede vor dem Internationalen Währungsfonds (IWF) im November 2013 den Begriff erneut auf. Er stieß damit auf viel Beachtung, weil sich mittlerweile gezeigt hatte, wie unerwartet langsam die USA und viele andere Volkswirtschaften sich von der Finanzkrise erholten. Kern des Problems war Summers zufolge das Ungleichgewicht zwischen Investitionstätigkeit und Sparverhalten: Die Wirtschaftsakteure investieren zu wenig und sparen zu viel, dadurch wird das Wirtschaftswachstum gebremst. Über die Richtigkeit dieser These entbrannte ein wissenschaftlicher Streit, der bis heute andauert.

Stillstand auf Dauer? Lesen Sie den Essay des US-Wirtschaftshistorikers Barry Eichengreen in der Weitwinkel-Printausgabe.

Konjunktur Schwellenländer Gewinnerbranchen

Gewinner des neuen Wohlstands

Wenn in den Emerging Markets die Wirtschaft boomt, gehören bestimmte Branchen zu den potenziellen Gewinnern. Wer zählt dazu und warum? Vier Fondsmanager geben Auskunft

Illustration
Melanie Brill

Wasser

„Wohlstand und Wasser hängen unmittelbar zusammen. Und zwar nicht als Wirtschaftsgut, sondern als Grundlage für ein nachhaltiges, gesundes und damit auch wirtschaftlich erfolgreiches Leben. Sauberes Trinkwasser ist ein wesentlicher Baustein für die Beseitigung von Armutsursachen. Gefragt sind etwa Technologien zur dezentralen Aufbereitung und Filterung von Wasser – vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Aber auch in Industrieländern ist Wasser als Inputfaktor etwa für die Herstellung von Lebensmitteln und Papier oder bei der Ölgewinnung wesentlich. Unternehmen, die hier effiziente Lösungen bieten, dürften in Zukunft zu den Gewinnern zählen.“

JÖRG SCHNEIDER

Jörg Schneider verantwortet als Portfoliomanager bei Union Investment die Sektoren Öl und Gas sowie Bau und ist für das Management des SDG-Fonds zuständig.


AXEL BROSEY

Axel Brosey, Portfoliomanager bei Union Investment, verantwortet mehrere globale Aktienfonds und ist für die Koordination des Research-Bereichs Logistik zuständig.


Logistik

„Grenzüberschreitender Warenaustausch ist der Schlüssel für globalen Wohlstand – und erst die Logistikbranche macht ihn im großen Stil möglich. Im Besonderen getrieben durch China entwickelte sich der Welthandel in den letzten Jahrzehnten stark. Davon profitierten Speditions- und Logistikbetriebe der klassischen Luft- und Seefrachtbranche. Auch heute ist eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur unerlässlich, parallel hat aber der technologische Fortschritt die Branche revolutioniert: Amazon und Alibaba haben durch E-Commerce die weltweiten Lieferketten durcheinandergewirbelt. Niedrigere Transportkosten und technisch effizienter gesteuerter Handel kommen Konsumenten weltweit zugute und sorgen für wachsenden Wohlstand.“

Gesundheit

„Sozialer Status und Gesundheit hängen unmittelbar zusammen. Durch wachsenden Wohlstand gibt es in den Schwellenländern eine bessere Gesundheitsversorgung. China hat beispielsweise seit zehn Jahren eine staatliche Krankenversicherung – ein Quantensprung. Davon profitieren etwa westliche Insulinhersteller, denn Diabetes ist mittlerweile auch in China ein großes Problem. In den Industrieländern führt mehr Reichtum zu einer steigenden Nachfrage nach ,Lifestyle-Gesundheitsproduktenʼ, wie zum Beispiel Nahrungsergänzungsmittel. Doch es gibt auch eine Kehrseite: Wohlstandskrankheiten, wie Übergewicht und Diabetes, sind neben umweltbedingten Krankheiten, etwa Allergien, auf dem Vormarsch.“

DR. MARKUS MANNS

Dr. Markus Manns, Portfoliomanager bei Union Investment, verantwortet die Bereiche Biotechnologie, Pharmazie und Gesundheit.


THOMAS JÖKEL

Thomas Jökel, Portfoliomanager bei Union Investment, verantwortet die Konsumgüterbranche.


Luxusgüter

„Wer in Deutschlands hochpreisigen Kaufhäusern unterwegs ist, begegnet vielen Asiaten. Das ist kein Zufall. Jedes zweite Luxusgut weltweit wird von Asiaten gekauft, allen voran den Chinesen. Der wachsende Wohlstand im größten Schwellenland der Welt hat dazu geführt, dass sie jährlich etwa 70 Milliarden Euro ausgeben, um Gucci-Taschen oder Swatch-Uhren zu kaufen – vor 20 Jahren war es noch weniger als eine Milliarde Euro. Interessant dabei: Sie erwerben die Produkte überwiegend als Touristen im Ausland, vor allem in Europa und den USA. Luxusgüterhersteller wie LVMH oder Kering profitieren von der gestiegenen Kauflust.“

Schwellenländer Wirtschaftsgeografie Wachstumsmärkte

Märkte der Zukunft

Die Emerging Markets sind ein Sammelbegriff für ehemals unterentwickelte Volkswirtschaften, die wegen ihrer hohen Wachstumszahlen auf der Schwelle sind, sich den Industrieländern anzunähern oder sie gar zu überholen. Doch wo liegen die Emerging Markets überhaupt?

  • BRIC
  • Next Eleven
  • Pantherstaaten
  • Tigerstaaten
THAILAND MALAYSIA INDONESIEN PHILLIPPINEN SÜDKOREA HONGKONG TAIWAN SINGAPUR MEXIKO NIGERIA ÄGYPTEN TÜRKEI IRAN PAKISTAN BANGLADESCH INDONESIEN PHILLIPPINEN SÜDKOREA BRASILIEN INDIEN CHINA RUSSLAND

BRIC Staaten

Die so genannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China gelten schlichthin als das Paradebeispiel für die Emerging Markets. Den aus den Anfangsbuchstaben zusammengesetzten Begriff hatte 2001 der britische Ökonom Jim O’Neil, als Chefvolkswirt von Goldman Sachs geprägt. Die vier Staaten wiesen über Jahre überdurchschnittliche Zuwachsraten von fünf bis zehn Prozent auf, weshalb einige Prognosen davon ausgehen, dass die BRIC-Staaten bis 2050 die G-8-Staaten überflügeln könnten, womit die westliche Welt ihre dominierende Stellung in der Weltwirtschaft verlieren würde.

Next Eleven Staaten

Next Eleven: Ein ebenfalls von Jim O’Neill etablierter Begriff für einige besonders bevölkerungsreiche Schwellenländer, die quasi im Windschatten der BRIC-Staaten eine ähnliche wirtschaftliche Entwicklung erleben könnten. Die Next Eleven umfassen: Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan. Philippinen, Südkorea und die Türkei.

Panthertaaten

Sammelbegriff für Indonesien, Malaysia, Thailand und die Philippinen. Diesen wurde in den 1980er und 1990er Jahren ein ähnliches wirtschaftliches Potenzial wie den Tigerstaaten zugestanden. Jedoch bremste die Asienkrise den wirtschaftlichen Aufstieg der Pantherstaaten massiv aus. Keines der vier Länder wurde zum Industriestaat. Immerhin werden aber Indonesien und die Philippinen zu den Next Eleven gezählt.

Tigerstaaten

Als Tigerstaaten werden Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur bezeichnet. Diese Staaten erlebten bereits in den 1980er Jahren einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung und wandelten sich zu Industriestaaten. Die dabei gezeigte hohe wirtschaftliche Dynamik erinnerte an die kraftvolle Energie eines Tigers, der zum Sprung ansetzt.

Internetplattformen Wettbewerb Kartellrecht

Digitale Monopolie

Wie US-Technologieriesen durch ihre Marktmacht zu Wohlstandsverhinderern werden.

Die fünf wertvollsten Unternehmen (nach Marktkapitalisierung) in den USA und weltweit sind Apple, Alphabet (der Mutterkonzern von Google), Microsoft, Amazon und Facebook. So unterschiedlich sie sind, eines haben diese fünf Tech-Riesen gemein: Ihre Geschäftsmodelle funktionieren so gut, weil sie Monopolisten ihrer Branche sind. Amazon steht für Online-Shopping, Facebook steht für Social Media, Google ist synonym für Online-Suche, was sich auch darin zeigt, dass „googeln“ als Verb im Duden gelistet ist.

Bedenkenswert in vielerlei Hinsicht

Die heutigen Monopole der US-Technologieriesen werden von vielen Seiten kritisch beobachtet, da sie durch ihre Marktmacht auch ein Risiko darstellen. Und das nicht nur unter dem Aspekt des Datenmissbrauchs, wie zuletzt der Facebook-Skandal gezeigt hat. Denn abgesehen davon bleiben Monopole auch volkswirtschaftlich betrachtet ein Faktor, der die Ungleichverteilung von Wohlstand befördern kann. Zum einen geraten Löhne unter Druck, weil der Wettbewerb fehlt, zum anderen sind Alleinanbieter in der Lage, ihre Marktmacht auszunutzen und Preise zu diktieren. Insofern stehen die US-Technologieriesen auf beiden Seiten des Atlantiks unter besonderer Beobachtung der Kartellbehörden.

Lesen Sie den Essay des Vorsitzenden der Monopolkommission Prof. Achim Wambach in der Weitwinkel-Printausgabe.

Wohlstand Weltwirtschaft Ungleichgewichte

„Wohlstand für alle 2.0“ bedeutet für mich?

Jedes Schwerpunktthema hat eine persönliche Bedeutung für unterschiedliche Menschen. Weitwinkel bat Interviewpartner und weitere Experten um eine ganz persönliche Einschätzung und Vervollständigung dieses Satzes: „Wohlstand für alle 2.0“ bedeutet für mich …